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ORGELN IM TRIERER DOM (4): Schwalbennester...:Schwalbennester aus Bonn und ein flötespielendes Teufelchen

Wohin mit der neuen Orgel? - Trierer Dombaukommission - Drei Firmen und zwölf Modelle - Avantgardistische Experimente - Klais-Orgeln von 1974 und 1996
Datum:
1. Sept. 2026
Von:
Josef Still

Wohin mit der neuen Orgel? Diese Frage beschäftigte 1970 wieder einmal die Mitglieder einer Trierer Dombaukommission.

Mitten in der zehnjährigen Domrenovierungszeit war ein Jahr zuvor die altersschwache Weigle-Orgel abgerissen worden. Dass man eine neue Orgel brauchte, stand fest; um ihren Standort jedoch wurde lange gerungen, weil Orgelbauer, Architekten, Musiker und Liturgiker sich nicht einig werden konnten. Die einen plädierten für den Westchor, andere für das nördliche Querhaus oder die beiden Emporen links und rechts vom Kapitelchor. Auch zugunsten eines „Schwalbennestes“, also einer hängenden Konstruktion, wurde argumentiert.

Drei Firmen und zwölf Modelle

In die engere Wahl kamen schließlich der Westchor und das Schwalbennest. Drei Orgelbaufirmen hatten unzählige Zeichnungen und 13 Modelle vorgestellt. Flöten, Trompeten und Oboen hatte man von verschiedenen Stellen des Doms aus blasen lassen, um die akustisch beste Stelle für eine Orgel zu finden. Das Rennen machte schließlich die Bonner Firma Johannes Klais mit dem Vorschlag, eine viermanualige Orgel mit 67 Registern als Schwalbennest zu bauen. Im Juli 1971 wurde der Auftrag erteilt.

Die Konstruktion der Orgel enthält bei einer Höhe von 16 Metern ganze fünf „Stockwerke“: unten das Rückpositiv, dann das Spieltischniveau, dann nacheinander Brustwerk, Schwellwerk und Hauptwerk. Die Pfeifen des Pedals sind links und rechts vom Hauptorgelkörper in zwei hohen Türmen untergebracht.

Avantgardistische Experimente

Das optische Erscheinungsbild verdankt die Orgel den beiden Bildhauern Hillebrand und Heiermann, die auf die Idee kamen, die einzelnen Pfeifen-Felder als runde Türme anzuordnen und bei den verzierten Gehäuseteilen so ungewöhnliche Baustoffe wie Aluminiumguss einzusetzen. Doch nicht nur metallene „Flower-Power“- Reminiszenzen weisen auf die frühen Siebziger hin; auch avantgardistische Zutaten wie etwa eine Tastenfessel oder Drosselventile, mit denen man die Windversorgung nach und nach zusammenbrechen lassen kann, erinnern an wilde Orgelzeiten. Eine weitere Neuheit, die 1972 in einer Sinziger Orgel gebaut worden war, die sogenannte  „Registermomentsteuerung“, hätte Orgelbauer Klais gerne in der Trierer Domorgel untergebracht; allein das Veto von Domorganist Wolfgang Oehms verhinderte diesen Plan.

Auf barocke und sogar mittelalterliche Vorbilder gehen zwei Spezialitäten der Trierer Domorgel zurück: die Röhrenglocken und der Hirtengott Pan. Diese Figur kann vom Organisten mittels eines großen Hebels aus dem Orgelgehäuse geklappt und zum Flötespielen bewegt werden. Aber auch eine schlimmere Erklärung des Flötenspielers ist möglich: Der Teufel wird vom Orgelbauer gezwungen, im Dom Musik zur Ehre Gottes zu machen und rächt sich seinerseits durch fürchterlich verstimmte Pfeifen.

Zeitverzug

Der Countdown für Domrenovierung und Orgelbau lief. Für den 1. Mai 1974 war die feierliche Domeröffnung samt Orgelweihe geplant. Im Herbst 1973 sollten die Handwerker fertig sein, damit die Orgelbauer ohne Lärm und Staub mit der Montage beginnen könnten. Jedoch war die Renovierung so in Verzug geraten, dass die Arbeit der Orgelbauer lautstark von Steinmetzen und Fußbodenlegern begleitet wurde. Die Lage spitzte sich noch zu, als im März 1974 der Intonateur der Orgel durch einen Arbeitsunfall für einige Wochen ausfiel.

Zur Domeröffnung war die Orgel zwar spielbar und wurde auch eingeweiht; ganz fertig geworden war sie aber nicht. Das für den Abend dieses Festtages vorgesehene Orgelkonzert mit der Uraufführung von Hermann Schroeders für diesen Anlass komponiertem „Tedeum trevirense“ musste auf den 12. Mai verlegt werden. Die Vollendung der Trierer Domorgel wurde in vielen Zeitschriften und Zeitungen mit begeisterten Artikeln gefeiert.

Die neue Chororgel

Dass die Hauptorgel wegen der zu großen Entfernung nicht zur Begleitung des Domchors eingesetzt werden kann, war schon 1974 klar gewesen. Überlegungen zum Bau einer Chororgel gab es daher bereits damals. Konkrete Planungen begannen aber erst 1992.

Die Hauptaufgabe der Chororgel soll das begleitende und konzertierende Musizieren mit dem Domchor sein. Aber auch die Begleitung von Solisten oder einer Choralschola ist vorgesehen, ebenso das Spiel bei Gottesdiensten an der Heilig-Rock-Kapelle. Da die Chororgel in keiner Hinsicht eine Konkurrenz zur großen Orgel darstellen durfte, wurde ihre Größe auf 24 Register und zwei Manuale samt Pedal festgelegt.

Wie schon 1970 wurde auch bei der  Chororgel lange über den Standort diskutiert. Realisiert wurde schließlich die Platzierung an der Südwand des Ostchors und auf der dahinter liegenden Empore. Wie die Hauptorgel wurde auch die Chororgel als Schwalbennest gebaut.

In dem architektonisch sensiblen Bereich neben dem Hochaltar und der barocken Treppenanlage konnte eine Orgel, die weit in den Raum ragt, aus denkmalpflegerischen Gründen nicht in Frage kommen. Das vom Kirchenraum aus sichtbare Orgelgehäuse nimmt daher lediglich die acht Register des Hauptwerks und den mechanischen Spieltisch auf, insgesamt also etwa ein Drittel des Instruments. Die fünf Pedalregister und das Schwellwerk mit seinen elf Registern steht dahinter auf der Empore.

Gespielt werden kann die Orgel entweder am mechanischen Spieltisch auf dem Schwalbennest oder am elektrischen Spieltisch, der im Hochchor in unmittelbarer Nähe zum Dirigenten des Chors steht. Für ein präzises Zusammenspiel zwischen Chor und Orgel ist dieser direkte Kontakt unerlässlich. Die Registertraktur ist elektrisch; mit Hilfe von 96 „Setzerkombinationen“ können verschiedenste Klangkombinationen vorprogrammiert und auf Knopfdruck abgerufen werden.

Die farbliche Fassung des Gehäuses besorgte die Trierer Domschreinerei.

Quellen: Gustav Bereths: Beiträge zur Geschichte der Trierer Dommusik; Wolfgang Oehms: Die neue Orgel im Dom zu Trier; in: Franz Ronig (Red.): Der Trierer Dom, 1980; Hans Gerd Klais: Beiträge z. Geschichte u. Ästhetik d. Orgel. Archivalien des Orgelbaureferates im Generalvikariat, Trier.

ORGELWEIHE AM SONNTAG - Info-Kasten im "Paulinus"

Die neue Chororgel wird am Sonntag, dem 17. März, um 18.00 Uhr von Domdechant Weihbischof Gerhard Jakob eingeweiht. Der Trierer Domchor unter Leitung von Domkapellmeister Klaus Fischbach und Josef Still an der Orgel übernehmen die musikalische Gestaltung des Vespergottesdienstes. Solistisch ist die Orgel mit Johann Sebastian Bachs Praeludium und Fuge c-Moll BWV 546 und der Choralpartita „Herzliebster Jesu“ von Fritz Goller zu hören. Gemeinsam musizieren der Chor und die Orgel Werke von Zoltán Kodály (Psalm 114 „Als aus Ägypten Israel fortzog“) und J.S.Bach („Wohl mir, daß ich Jesum habe“), außerdem den Psalm 150 „Lobt Gott in seinem Heiligtum“ von César Franck.