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ORGELN IM TRIERER DOM (II): Die Breidenfeld-Orgel von 1837:Nikolaus-Altar zerschlagen / 52 Register aus Münster & Wetzlar

Erst hatten die Franzosen zusammen mit einheimischem Pöbel 1794 den Dom geplündert und dabei auch die beiden Orgeln zerstört. Auf ein anderes Konto der Revolution ging allerdings eine andere Verwüstung im Dom.
Datum:
1. Sept. 2026
Von:
Josef Still

Erst hatten die Franzosen zusammen mit einheimischem Pöbel 1794 den Dom geplündert und dabei auch die beiden Orgeln zerstört. Vier Jahre später machten sie dann dem Trierer Kurstaat ein Ende. Als auch Napoleons politisches Ende besiegelt war, kam Trier 1815 zu Preußen und wurde vom fernen Berlin aus regiert. Die französische Revolution hatte also einen gewaltigen Mechanismus in Gang gesetzt, zu dem auch die Säkularisation gehörte.

Nicht auf das Konto der Revolution ging allerdings eine andere Verwüstung im Dom: Um 1810 herum war überlegt worden, einen großen Haupteingang mitten durch die Westapsis zu brechen. Zwar wurde dieser Plan nicht verwirklicht, doch hatte man in der ersten Begeisterung den Westchor leergeräumt und dabei den wertvollen barocken Nikolausaltar zerstört. Dieser Doppelaltar stand am östlichen Ende des damals noch größeren Westchors, dicht bei dem großen Marmorbecken (s. Grundriss Nr. „3“). Er hatte zwei Schauseiten: eine zum Westchor hin und eine zum Dom.

Geschenk aus Wetzlar

Als der von Napoleon eingesetzte Bischof Mannay 1802 sein Amt antrat, war im Dom nur die kleine Chororgel aus dem Agnetenkloster spielbar. Der Einbau der Himmeroder Orgel im Jahr 1807 erwies sich als Fehler, wie im letzten Beitrag geschildert wurde. Umso vorsichtiger ging man zu Werke, als der preußische König dem Trierer Bischof von Hommer 1830 die Stumm-Orgel des Franziskanerklosters in Wetzlar schenkte. Die Orgel mit 30 Registern auf zwei Manualen und Pedal war von Domorganist Schmitt geprüft und für geeignet befunden worden. Die Orgelbauer Stumm aus Rhaunen-Sulzbach sollten die Orgel in Trier aufbauen und sie dabei um ein paar Register vergrößern. Sie schlugen vor, das Instrument nicht mehr in das Schwalbennestgehäuse, sondern auf eine Empore im Westchor zu stellen. Dieser Platz, der zwanzig Jahre zuvor durch die voreilige Zerstörung des Nikolaus-Altars freigeworden war, fand allseits Zustimmung. Bewegung kam in das Orgelprojekt, als der tatkräftige Dompropst Auer die Sache in die Hand nahm. Überraschend wurden die Verhandlungen mit Stumm abgebrochen; das Domkapitel stieß sich an seiner Lieferzeit von vier Jahren. Die Firma Breidenfeld aus Münster hingegen hatte zugesagt, die Orgel in zwei Jahren fertigstellen zu können.

Berliner Vorschriften

Breidenfeld brauchte aber auch vier Jahre. Schuld an der Verzögerung war allerdings nicht der Orgelbauer, sondern eine schier endlose Diskussion mit der Kgl. Oberbaudeputation in Berlin über die Gestaltung des Orgelgehäuses. Die Orgelempore, auf der auch noch ein Chor Platz hatte, war schon 1832 gebaut worden; entworfen hatte sie der Trierer kgl. Bauinspektor Wolff. Karl Friedrich Schinkel, der berühmte Berliner Architekt und preußische Oberbaudirektor, hatte 1833 die Empore – noch ohne Orgel darauf – gesehen und sie recht gelobt: „Die ganze Anordnung trägt zum Schmucke dieser alten Kirche bei, vorausgesetzt, dass das Orgelwerk selbst, wie es so häufig geschieht, durch willkürliche Abweichung von einem guten Entwurf nicht durch Geschmacklosigkeit seiner äußeren Form, das Innere der Kirche entstellt.“

Der „gute Entwurf“ stammte natürlich aus Berlin und sah zwei einzelne Gehäuse vor, zwischen denen das Licht der Apsis-Fenster in den Dom fallen konnte. Außerdem waren zwei kleine Rückpositive an der Emporenbrüstung eingezeichnet.

Der Vorschlag der „Ober Bau Deputation“ und vermutlich die ganze Berliner Bevormundung missfielen dem Bischof, dem Domkapitel und dem Orgelbauer, der seinerseits eine neue Zeichnung nach eigenen Vorstellungen anfertigte. Breidenfeld störte es besonders, dass man von ihm verlangte, in der Schauseite der Orgel nur stumme Pfeifen als Attrappen einzubauen. Da aber Assessor Busse, ein Mitarbeiter Schinkels, die Arbeiten genau überwachte und darüber regelmäßig nach Berlin Bericht erstattete, konnte nur ein Kompromiss den Konflikt entschärfen: Die verlangten zwei Gehäuse wurden gebaut, aber durch einen niedrigeren Mittelteil miteinander verbunden. Die Rückpositive wurden weggelassen. Von den 307 neuen Prospektpfeifen waren lediglich 64 klingend, alle übrigen waren stumm.

Der Vertrag mit Breidenfeld aus dem Jahr 1833 sah vor, dass von den 30 Wetzlarer Registern 21 wiederverwendet werden; 29 neue sollten hinzukommen. Nach den schlechten Erfahrungen, die man mit der Himmeroder Orgel gemacht hatte, untersuchte man die alten Orgelteile aber umso genauer und übernahm schließlich nur elf ganze Register in die neue Orgel. Die übrigen Teile baute Breidenfeld neu und spendierte sogar noch zwei Register aus eigener Tasche. Die 1837 vollendete Orgel hatte somit eine Größe von 52 Registern.

Begeisterung und Kritik

Zeitgenössische Quellen loben die Klarheit und Verständlichkeit des neuen Instruments. Als Kind der Romantik verfügte sie über einen dunklen, fülligen Klang; der Klang der höheren Register war bewusst nicht scharf und schneidend. Die Trierische Zeitung begeisterte sich am 17. Juli 1837: „Mächtig rollen die Bässe durch die weiten Hallen und erfüllen sie mit Ton voll Kraft und Würde. Die höheren Stimmen schließen sich ihnen gut an, und edel und abgerundet, sanft und lieblich tönend durcheilen sie die großen Räume, und sind klar und verständlich am fernsten Punkt der Kirche zu vernehmen, selbst in den Aeolsharfen gleich klingenden Chorregistern.“

Über sechzig Jahre lang tat die so gelobte Orgel Dienst. Einzelne Stimmen protestierten von Anfang an gegen das Orgelgehäuse; ein Leserbriefschreiber der Trierer Zeitung fragte 1846, ob man die Orgel wegen „offener Abgeschmacktheiten“ nicht an die im Umbau befindliche evangelische Konstantinsbasilika „lucrativ abgeben könne.“ Widerstand gegen die Orgel formierte sich aber ab 1890 auch im Dom selbst, wo vor allem Domkapellmeister Lenz die Aufstellung im Westchor kritisierte. Der Abstand zu den Choralsängern und zu dem wohl auch im Ostchor singenden Chor sei viel zu groß; Mess-Kompositionen mit Orgelbegleitung seien unmöglich und von einer Unterstützung des Gesangs durch die Orgel könne keine Rede sein.

Kaiserliches Machtwort

Während allmählich die Planung für eine neue Orgel in der Nähe des Altares begann, stellte sich die Frage, was mit Breidenfelds Orgel und der Empore geschehen solle. Unter Missbilligung der preußischen Baubehörde wurde die Orgel 1905 schließlich abgerissen. Die Empore blieb vorerst stehen und sollte nach Meinung einiger Denkmalpfleger erhalten bleiben. Weil in dieser Frage aber keine Einigkeit herrschte, half zum Schluss nur ein allerhöchstes Machtwort: Kaiser Wilhelm II. ließ sich kurz über den Streit informieren und geruhte dann zu entscheiden, die Empore solle abgebrochen und dafür ein Lettner errichtet werden. 1906 entfernte man die Empore; ein Lettner aber wurde nie gebaut.

Orgelbau Breidenfeld - von Münster nach Trier

Heinrich Wilhelm Breidenfeld (1798-1875) begann 1826 in Münster als selbständiger Orgelbauer. Der gelungene Umbau der Domorgel in Münster 1830 vermehrte sein Ansehen so sehr, dass das Trierer Domkapitel ihm drei Jahre später den Auftrag zum Bau der Orgel im Westchor erteilte. Kurz nach deren Fertigstellung siedelte Breidenfeld mit seinem Betrieb nach Trier über. Nach 1875 führten seine Söhne die Werkstatt unter dem Namen „Gebr. Breidenfeld“ weiter. Insgesamt lieferte die Orgelbauerfamilie etwa 60 neue Orgeln, die meisten in das Bistum Trier, einige auch in die Bistümer Münster und Luxemburg. Nach der Jahrhundertwende kam die Firma mehr und mehr in Schwierigkeiten und gab schließlich den Betrieb auf. 1912 wird sie im Trierer Adressbuch nicht mehr genannt.

Weitgehend unverfälscht erhaltene Breidenfeld-Orgeln stehen noch in Dieblich, Bekond, Nennig, Thörnich, Schalkenmehren und Lösnich.