Aktuelle Pressestimmen 23.07.01
Ungeahnte Möglichkeiten 
Wolfgang Abendroth verblüfft die Konzertbesucher in Springiersbach 

Von GERHARD KLUTH
 

Bengel. Seit knapp drei Jahren ist die Klosterkirche Springiersbach im Besitz einer neuen Orgel. In einem Konzert, das sowohl vom Programm als auch von der Ausführung seines Gleichen sucht, machte der junge Organist Wolfgang Abendroth die Bedeutung dieses Instrumentes deutlich. 
Es ist das Vorrecht der Jugend, Dinge zu tun, die Ältere nicht tun. Oftmals geht so etwas schief und wird unter der Rubrik "Erfahrung sammeln" abgehakt. Gelegentlich geht es aber auch gut. Dann ist es ebenfalls eine Erfahrung und kann eine Bereicherung für den Jugendlichen und alle Beteiligten sein.
Eine solche positive Erfahrung machte jetzt der 1978 geborene Organist Wolfgang Abendroth. Mit 23 Jahren kann man ihn als Organisten getrost noch zur Jugend zählen. Der Preisträger des Hermann-Schröder-Wettbewerbs in Himmerod und des Johann-Pachelbel-Wettbewerbs in Nürnberg präsentierte in der Klosterkirche Springiersbach ein Orgelkonzert, das sich in mehrfacher Hinsicht vom normalen Konzertbetrieb der "musica sacra" abhob.
Erstens wurden seine Darbietungen begleitet von einer Beleuchtungsinstallation, die unter Regie des Wuppertalers Michael Seibel den Kirchenraum entsprechend der Musik ausleuchten sollte. Zweitens war Abendroths Programm eine Zusammenstellung von etlichen Großwerken, die den normalen Rahmen eines Orgelkonzerts von 60 bis 75 Minuten bei weitem sprengten. Drittens hatte der Solist – und das war das Riskante – Werke ausgesucht, bei denen jeder Fachmann zunächst einmal große Zweifel angemeldet hätte, ob das auf der Sandnerorgel in Springiersbach überhaupt geht. Mit ihren 27 klingenden Registern ist die Orgel zwar für den Kirchenraum ausreichend bestückt, gehört aber nicht gerade zu den großen Vertretern ihrer Zunft.
Als Kopfstück des Abends hörten die 230 Konzertbesucher Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge d-moll. Von den Zuhörern geliebt und von vielen Organisten aufgrund des Gassenhauerstatus' als abgenudelt abgetan, war es erfrischend, Abendroths lebendige Interpretation des Werks zu hören.
Nach einem Choralvorspiel und der Fantasie und Fuge g-moll folgten Werke, die sonst auf erheblich größeren Instrumenten zu hören sind. So das "Carillon de Westminster" von Louis Vierne, Teile des "Himmlischen Gastmals" und "Die Erscheinung der ewigen Kirche" von Olivier Messiaen und als Finalstück der 94. Psalm von Julius Reubke.
Besonders Reubkes symphonische Psalmvertonung wird bei manchem Zuhörer die Frage aufgeworfen haben: Wie soll das auf dieser Orgel gehen? Nachdem Abendroth schon bei Messiaen neben seiner technischen Brillanz gezeigt hatte, welch großes Farbenspektrum der Orgel innewohnt und bei Vierne als auch bei César Francks "Priere" intensivste Klangfarben aus dem Instrument hervorzauberte, setzte er als Krönung noch eine überzeugende, äußerst gravitätische Symphonik dazu. Es fehlte, sowohl vom Organisten als auch von der Orgel, an nichts.
Etwas anders sah es bei der Lichtbegleitung der Musik aus. Sie hinterließ manchmal den Eindruck der Einfallslosigkeit. Zwar war es interessant, die barocke Kirche in verschiedensten Farben erleuchtet zu sehen, aber die Beziehung zu den Werken war teilweise nicht vorhanden. Gerade Messiaens Orgelwerke hätten mehr Möglichkeiten eröffnet.
Vieles war einfach zu plakativ (bei Viernes "Clair de lune" wanderten Sterne und ein Spot als Mond über die Kirchendecke) und gerade bei Reubke passierte im dramatischen und höchst expressiven Finale der Komposition im Prinzip gar nichts mehr. Dort hätte man sich gut vorstellen können, dass bei der Schluss-Sequenz (Der Herr ist mein Hort und meine Zuversicht) die Kirche ebenso triumphierend erstrahlt, wie es die Orgel tat.

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