Ungeahnte
Möglichkeiten
Wolfgang Abendroth verblüfft
die Konzertbesucher in Springiersbach
Von GERHARD KLUTH
Bengel. Seit knapp drei Jahren
ist die Klosterkirche Springiersbach im Besitz einer neuen Orgel. In einem
Konzert, das sowohl vom Programm als auch von der Ausführung seines
Gleichen sucht, machte der junge Organist Wolfgang Abendroth die Bedeutung
dieses Instrumentes deutlich.
Es ist das Vorrecht der
Jugend, Dinge zu tun, die Ältere nicht tun. Oftmals geht so etwas
schief und wird unter der Rubrik "Erfahrung sammeln" abgehakt. Gelegentlich
geht es aber auch gut. Dann ist es ebenfalls eine Erfahrung und kann eine
Bereicherung für den Jugendlichen und alle Beteiligten sein.
Eine solche positive Erfahrung
machte jetzt der 1978 geborene Organist Wolfgang Abendroth. Mit 23 Jahren
kann man ihn als Organisten getrost noch zur Jugend zählen. Der Preisträger
des Hermann-Schröder-Wettbewerbs in Himmerod und des Johann-Pachelbel-Wettbewerbs
in Nürnberg präsentierte in der Klosterkirche Springiersbach
ein Orgelkonzert, das sich in mehrfacher Hinsicht vom normalen Konzertbetrieb
der "musica sacra" abhob.
Erstens wurden seine Darbietungen
begleitet von einer Beleuchtungsinstallation, die unter Regie des Wuppertalers
Michael Seibel den Kirchenraum entsprechend der Musik ausleuchten sollte.
Zweitens war Abendroths Programm eine Zusammenstellung von etlichen Großwerken,
die den normalen Rahmen eines Orgelkonzerts von 60 bis 75 Minuten bei weitem
sprengten. Drittens hatte der Solist – und das war das Riskante – Werke
ausgesucht, bei denen jeder Fachmann zunächst einmal große Zweifel
angemeldet hätte, ob das auf der Sandnerorgel in Springiersbach überhaupt
geht. Mit ihren 27 klingenden Registern ist die Orgel zwar für den
Kirchenraum ausreichend bestückt, gehört aber nicht gerade zu
den großen Vertretern ihrer Zunft.
Als Kopfstück des Abends
hörten die 230 Konzertbesucher Johann Sebastian Bachs Toccata und
Fuge d-moll. Von den Zuhörern geliebt und von vielen Organisten aufgrund
des Gassenhauerstatus' als abgenudelt abgetan, war es erfrischend, Abendroths
lebendige Interpretation des Werks zu hören.
Nach einem Choralvorspiel
und der Fantasie und Fuge g-moll folgten Werke, die sonst auf erheblich
größeren Instrumenten zu hören sind. So das "Carillon de
Westminster" von Louis Vierne, Teile des "Himmlischen Gastmals" und "Die
Erscheinung der ewigen Kirche" von Olivier Messiaen und als Finalstück
der 94. Psalm von Julius Reubke.
Besonders Reubkes symphonische
Psalmvertonung wird bei manchem Zuhörer die Frage aufgeworfen haben:
Wie soll das auf dieser Orgel gehen? Nachdem Abendroth schon bei Messiaen
neben seiner technischen Brillanz gezeigt hatte, welch großes Farbenspektrum
der Orgel innewohnt und bei Vierne als auch bei César Francks "Priere"
intensivste Klangfarben aus dem Instrument hervorzauberte, setzte er als
Krönung noch eine überzeugende, äußerst gravitätische
Symphonik dazu. Es fehlte, sowohl vom Organisten als auch von der Orgel,
an nichts.
Etwas anders sah es bei
der Lichtbegleitung der Musik aus. Sie hinterließ manchmal den Eindruck
der Einfallslosigkeit. Zwar war es interessant, die barocke Kirche in verschiedensten
Farben erleuchtet zu sehen, aber die Beziehung zu den Werken war teilweise
nicht vorhanden. Gerade Messiaens Orgelwerke hätten mehr Möglichkeiten
eröffnet.
Vieles war einfach zu plakativ
(bei Viernes "Clair de lune" wanderten Sterne und ein Spot als Mond über
die Kirchendecke) und gerade bei Reubke passierte im dramatischen und höchst
expressiven Finale der Komposition im Prinzip gar nichts mehr. Dort hätte
man sich gut vorstellen können, dass bei der Schluss-Sequenz (Der
Herr ist mein Hort und meine Zuversicht) die Kirche ebenso triumphierend
erstrahlt, wie es die Orgel tat. |