St. Martin, St. Bonifatius
(Kürenz), St. Paulin
Einen der bedeutendsten Trierer
Orgelneubauten zwischen den beiden Weltkriegen darf sicherlich die Pfarrei
St. Martin für sich verbuchen, deren
Kirche nach dem Vorbild einer frühchristlichen Säulenbasilika
in den Jahren 1912 bis 1915 erbaut wurde.
Schon in der Kostenaufstellung für den Kirchenneubau durch die Trierer
Architekten Marx & Gracher ist unter der Position 107 ein “Zuschuss
für die später zu beschaffende Orgel” in Höhe von 10.000
Mark aufgeführt. Doch wie aus einem Schreiben von Pastor Raber an
das Generalvikariat vom 17. Februar 1931 hervor geht, hatte die Pfarrei
zunächst nur eine Leihorgel: “Seit dem Jahre 1915 ist in unserer Kirche
eine von der Firma Klais gemietete Orgel in Benutzung. Der Kirchenvorstand
beabsichtigt die Anschaffung einer neuen, eigenen Orgel nach der Disposition
und dem Kostenanschlag der genannten Firma vom 13.2. ds Js mit einem Kostenbedarf
von 26000 M.” Diesem Brief, dem laut Anlage Disposition und Kostenrechnung
sowie Prospekt-Zeichnung beigefügt waren, ist weiterhin zu entnehmen,
daß zu diesem Zeitpunkt bereits 21000 Mark aus Sammlungen des Bauvereins
sowie dem Ausstattungsfond bereitstanden. Sechs Tage später wird das
Orgelvorhaben vom Generalvikariat genehmigt. Zuvor hatte schon der Kirchenvorstand
in seiner Sitzung vom 20. Februar 1931den Neubau der Orgel beschlossen.
Das Sitzungsprotokoll schließt wie folgt: “...Die Bezahlung an die
Lieferfirma geschieht in 3 Raten: 1.) 8000 M am 1. April 1931, 2.) 8000
M am Tage nach der offiziellen Abnahme der Orgel, 3.) Rest am 1. Januar
1932”. Dieses Instrument aus der Bonner Werkstatt Johannes Klais hat nicht
nur den Krieg, sondern auch sämtliche Ideologien, die im Orgelbau
der Nachkriegzeit ihr zum Teil verheerendes Unwesen trieben, bis auf den
heutigen Tag unbeschadet überstanden und stellt somit ein historisches
Dokument von besonderem Wert dar. Schon Pfarrer Heinrich wußte im
Meldebogen vom 16. Juni 1944 von der besonderen Qualität dieser Orgel
zu berichten. Er schreibt: “Die Orgel, die auch mehrmals zu Kirchenkonzerten
benutzt wurde, ist nach dem Urteil von Fachleuten ein hervorragendes Werk
heutiger Orgelbaukunst, die beste Orgel von Trier, auf der, wie auf keiner
anderen, die Kompositionen der grossen Meister zur Darstellung kommen können.”
Seine Wurzeln hat dieses Werk trotz erkennbar “orgelbewegter” Register
nach wie vor in der klanglichen Ästhetik des deutsch-romantischen
Orgelbaus. Doch auch französische Einflüsse sind zu verzeichnen,
so das Bombardwerk, das typisch für viele der größeren
Klais-Orgeln der 30er Jahre (erhalten sind u.a. noch Siegburg St. Servatius,
Ludwigshafen Herz Jesu) im Gegensatz etwa zu den großen Instrumenten
eines Cavaillé-Coll kein eigenes Manual hat, jedoch an jedes der
vorhandenen Manuale bzw. ans Pedal angekoppelt werden kann. Hermann J.
Busch schreibt zur Klanggestalt dieser Orgeln: “Auch die Instrumente von
Johannes Klais aus der Zeit zwischen den Weltkriegen sind inzwischen “historische”
Orgeln geworden. Sie gehören einer abgeschlossenen Stilepoche an und
stellen, so betrachtet, den durchaus geglückten Versuch einer eigenständigen
Synthese aus Elementen der spätromantisch-orchestralen, französisch-symphonischen
und neobarocken Orgel dar.” Äußerlich präsentiert sich
die Orgel der Martinskirche mit einem sogenannten offenen Prospekt. Fischer
und Wohnhaas schreiben dazu: “Es genügt ... , auf die speziell von
Klais entworfenen sogenannten offenen Prospekte in ... Trier (St. Martin)
... hinzuweisen, die alle zwischen 1928 und 1934 entstandenen sind und
jeweils gewissermaßen aus mehreren hintereinander gestaffelten Prospekten
bestehen, aber so, daß kein Modell dem anderen gleicht.” In den Jahren
1997 und 1998 wurde die Orgel einer Generalsanierung unterzogen. Bei diesen
Arbeiten durch die Firma Vleugels wurde das Werk auch neu intoniert.
Die ehemalige, zu St. Paulin
gehörende Filiale Kürenz, die am 1. November 1933 zur Kapellengemeinde
St. Bonifatius erhoben worden war, erhielt laut Meldebogen für
ihre in den Jahren 1932-33 neuerbaute Kirche ein kleines zweimanualiges
Instrument mit acht Registern, das im Verhältnis zur Größe
der Kirche wohl zunächst als Interimsorgel gedacht war. Denn wie aus
den Pfarrakten zu ersehen ist, “behandelte der Vorsitzende” in der Jahreshauptversammlung
des Kirchenbauvereins am 10. Mai 1936 unter Punkt 6 weiterhin “die Orgelfrage”
.
Zu dem in St.
Paulin durchgeführten Umbau schreibt Matthias Thömmes
folgendes: “1934 fand dann ein entscheidender Eingriff durch die Orgelbaufirma
Klais statt. Sie baute ein drittes Manual als Schwellwerk ein, elektrifizierte
die Traktur und ersetzte den alten Spieltisch durch einen neuen, dreimanualigen
mit elektrischer Einrichtung. Seitdem haben I. und III. Manual elektrische
Schleifladen, das II. mit dem Schwellwerk Kegelladen. Durch die Herausnahme
einiger Register und den Einbau von 23 neuen Stimmen sowie zwei freier
Kombinationen war die Orgel nun wesentlich größer und moderner
geworden.” Unverändert erhalten blieb dabei jedoch das prachtvolle
Gehäuse, für das Romanus Nollet in den Jahren 1747 bis 1756 ein
erstes Orgelwerk lieferte. Der nach Angaben von Balthasar Neumann ausgeführte
Entwurf dieses bis heute erhaltenen Gehäuses stammt von Johannes Seiz.
Erhalten blieb beim Umbau 1934 aber auch ein Großteil des Pfeifenmaterials
sowie die Windladen von Hauptwerk und Echo der Orgel, die Breidenfeld 1858/59
in das Nollet-Gehäuse eingebaut hatte. Wurde bei den Arbeiten im Jahre
1991 erneut von der Firma Klais ausgeführt die Umbauten von 1934 im
Hinblick auf die Rekonstruktion der Breidenfeld-Orgel von 1858 zum Teil
auch wieder rückgängig gemacht, so sollte man dennoch nicht übersehen,
daß vom damaligen Zeitverständnis her auch der 1934er Eingriff
zunächst mit dem Ziel der Restaurierung einer historisch wertvollen
Orgel erfolgte. Klais berief sich in den 30er Jahren bei derartigen Arbeiten
auf Oskar Eberstaller, einer damals führenden Persönlichkeit
auf dem Gebiet der Orgelforschung und Orgeldenkmalpflege. Nach Eberstallers
Vorstellung sollte man “das Gute des alten Werkes retten und doch die Vorzüge
einer modernen Orgel erreichen”. Ähnlich sah es auch die Tagung für
Orgelbau im Jahre 1928 in Berlin. Hier erklärten die deutschen Orgelbauer
einstimmig, daß die Wiedereinführung der mechanischen Traktur
orgelbautechnisch, liturgisch und künstlerisch ein Rückschritt
sei. Hermann J. Busch dazu : “Hans Klais hat bei seinen Restaurierungen
zwischen 1930 und 1950 im Sinne Eberstallers vorhandene Schleifladen in
den Manualen unter Ergänzung auf den üblichen Umfang mit elektrischer
Traktur versehen. Dispositionsretuschen sind hier meist nur vorsichtig
erfolgt, am häufigsten fand der Austausch von Zungenregistern statt.
Im Pedal waren Dispositionen und Umfänge nach damaligen Begriffen
so unzulänglich, daß stets neue Kegelladen mit der Möglichkeit
zu Extension und Transmission gebaut wurden. In der Regel wurden die Instrumente
zudem um ein ganz neues Schwellwerk erweitert.” Als wichtigeste der in
diesem Sinne geretteten Barockorgeln führt Busch dann neben den Orgeln
von Mainz St. Peter, Steinfeld Klosterkirche und Oberwesel Liebfrauen auch
die Orgel von St. Paulin auf, wobei er als Erbauer noch Nollet angibt.
Sieht man sich dann die 1991 durchgeführten Arbeiten an, so finden
diese Zeilen durchaus ihre Bestätigung. Weil man wohl auch schon 1934
die Qualität der Schleifladen von Echo und Hauptwerk erkannt hatte,
elektrifizierte man “lediglich” die Traktur. Ebenso behielt man den Großteil
des Pfeifenmaterials von 1858 bei, auf den man so bei der 1991er Restaurierung
erneut zurückgreifen konnte. Lediglich die 1934 neugefertigte Kegellade
für das Pedal wurde beim jüngsten Umbau durch eine mechanische
Schleiflade mit überwiegend neuen Registern ersetzt. Im Kern hat man
so nun wieder die alte zweimanualige Breidenfeld-Orgel mit ihren mechanischen
Schleifladen und dem mittig eingebautem Spieltisch im Untergehäuse.
Doch aufgrund seiner Qualität aber hat man auch das 1934 hinzugefügte
Schwellwerk mit seiner elektrischen Kegellade nicht aufgegeben. Es ist
heute spielbar vom dritten Manual, dessen Klaviatur als Vermittlung zum
mechanischen Teil der Orgel hin mit künstlichem Druckpunkt ausgestattet
ist.
Wolfgang Valerius