Schwalbennester
aus Bonn und ein flötespielendes Teufelchen
Die Klais-Orgeln von
1974 und 1996
Wohin mit der neuen Orgel?
Diese Frage beschäftigte 1970 wieder einmal die Mitglieder einer Trierer
Dombaukommission.
Mitten in der zehnjährigen
Domrenovierungszeit war ein Jahr zuvor die altersschwache Weigle-Orgel
abgerissen worden. Daß man eine neue Orgel brauchte, stand fest;
um ihren Standort jedoch wurde lange gerungen, weil Orgelbauer, Architekten,
Musiker und Liturgiker sich nicht einig werden konnten. Die einen plädierten
für den Westchor, andere für das nördliche Querhaus oder
die beiden Emporen links und rechts vom Kapitelchor. Auch zugunsten eines
„Schwalbennestes“, also einer hängenden Konstruktion, wurde argumentiert.
Drei Firmen und zwölf
Modelle
In die engere Wahl kamen
schließlich der Westchor und das Schwalbennest. Drei Orgelbaufirmen
hatten unzählige Zeichnungen und 13 Modelle vorgestellt. Flöten,
Trompeten und Oboen hatte man von verschiedenen Stellen des Domes aus blasen
lassen, um die akustisch beste Stelle für eine Orgel zu finden. Das
Rennen machte schließlich die Bonner Firma Johannes Klais mit dem
Vorschlag, eine viermanualige Orgel mit 67 Registern als Schwalbennest
zu bauen. Im Juli 1971 wurde der Auftrag erteilt. Die Konstruktion der
Orgel enthält bei einer Höhe von 16 Metern ganze fünf „Stockwerke“:
unten das Rückpositiv, dann das Spieltischniveau, dann nacheinander
Brustwerk, Schwellwerk und Hauptwerk. Die Pfeifen des Pedals sind links
und rechts vom Hauptorgelkörper in zwei hohen Türmen untergebracht.
Avantgardistische Experimente
Das optische Erscheinungsbild
verdankt die Orgel den beiden Bildhauern Hillebrand und Heiermann, die
auf die Idee kamen, die einzelnen Pfeifenfelder als runde Türme anzuordnen
und bei den verzierten Gehäuseteilen so ungewöhnliche Baustoffe
wie Aluminiumguß einzusetzen. Doch nicht nur metallene „Flower-Power“-
Reminiszenzen weisen auf die frühen Siebziger hin; auch avantgardistische
Zutaten wie etwa eine Tastenfessel oder Drosselventile, mit denen man die
Windversorgung nach und nach zusammenbrechen lassen kann, erinnern an wilde
Orgelzeiten. Eine weitere Neuheit, die 1972 in einer Sinziger Orgel gebaut
worden war, die sogenannte „Registermomentsteuerung“, hätte
Orgelbauer Klais gerne in der Trierer Domorgel untergebracht; allein das
Veto von Domorganist Wolfgang Oehms verhinderte diesen Plan. Auf barocke
und sogar mittelalterliche Vorbilder gehen zwei Spezialitäten der
Trierer Domorgel zurück: die Röhrenglocken und der Hirtengott
Pan. Diese Figur kann vom Organisten mittels eines großen Hebels
aus dem Orgelgehäuse geklappt und zum Flötespielen bewegt werden.
Aber auch eine schlimmere Erklärung des Flötenspielers ist möglich:
Der Teufel wird vom Orgelbauer gezwungen, im Dom Musik zur Ehre Gottes
zu machen und rächt sich seinerseits durch fürchterlich verstimmte
Pfeifen.
Zeitverzug
Der Countdown für Domrenovierung
und Orgelbau lief. Für den 1. Mai 1974 war die feierliche Domeröffnung
samt Orgelweihe geplant. Im Herbst 1973 sollten die Handwerker fertig sein,
damit die Orgelbauer ohne Lärm und Staub mit der Montage beginnen
könnten. Jedoch war die Renovierung so in Verzug geraten, daß
die Arbeit der Orgelbauer lautstark von Steinmetzen und Fußbodenlegern
begleitet wurde. Die Lage spitzte sich noch zu, als im März 1974 der
Intonateur der Orgel durch einen Arbeitsunfall für einige Wochen ausfiel.
Zur Domeröffnung war die Orgel zwar spielbar und wurde auch eingeweiht;
ganz fertiggeworden war sie aber nicht. Das für den Abend dieses Festtages
vorgesehene Orgelkonzert mit der Uraufführung von Hermann Schroeders
für diesen Anlaß komponiertem „Tedeum trevirense“ mußte
auf den 12. Mai verlegt werden. Die Vollendung der Trierer Domorgel wurde
in vielen Zeitschriften und Zeitungen mit begeisterten Artikeln gefeiert.
Die neue Chororgel
Daß die Hauptorgel
wegen der zu großen Entfernung nicht zur Begleitung des Domchors
eingesetzt werden kann, war schon 1974 klar gewesen. Überlegungen
zum Bau einer Chororgel gab es daher bereits damals. Konkrete Planungen
begannen aber erst 1992.
Die Hauptaufgabe der Chororgel
ist das begleitende und konzertierende Musizieren mit dem Domchor. Aber
auch bei der Begleitung von Solisten bewährt sie sich. Da die Chororgel
in keiner Hinsicht eine Konkurrenz zur großen Orgel darstellen durfte,
wurde ihre Größe auf 24 Register und zwei Manuale samt Pedal
festgelegt.
Wie schon 1970 wurde auch
bei der Chororgel lange über den Standort diskutiert. Realisiert
wurde schließlich die Plazierung an der Südwand des Ostchors
und auf der dahinter liegenden Empore. Wie die Hauptorgel wurde auch die
Chororgel als Schwalbennest gebaut.
In dem architektonisch sensiblen
Bereich neben dem Hochaltar und der barocken Treppenanlage konnte eine
Orgel, die weit in den Raum ragt, aus denkmalpflegerischen Gründen
nicht in Frage kommen. Das vom Kirchenraum aus sichtbare Orgelgehäuse
nimmt daher lediglich die acht Register des Hauptwerks und den mechanischen
Spieltisch auf, insgesamt also etwa ein Drittel des Instruments. Die fünf
Pedalregister und das Schwellwerk mit seinen elf Registern steht dahinter
auf der Empore. Gespielt werden kann die Orgel entweder am mechanischen
Spieltisch auf dem Schwalbennest oder am elektrischen Spieltisch, der im
Hochchor in unmittelbarer Nähe zum Dirigenten des Chors steht. Für
ein präzises Zusammenspiel zwischen Chor und Orgel ist dieser direkte
Kontakt unerläßlich. Die Registertraktur ist elektrisch; mit
Hilfe von 96 „Setzerkombinationen“ können verschiedenste Klangkombinationen
vorprogrammiert und auf Knopfdruck abgerufen werden.
Die farbliche Fassung des
Gehäuses besorgte die Trierer Domschreinerei.
Quellen:
Gustav Bereths: Beiträge
zur Geschichte der Trierer Dommusik; Wolfgang Oehms: Die neue Orgel im
Dom zu Trier; in: Franz Ronig (Red.): Der Trierer Dom, 1980; Hans Gerd
Klais: Beiträge z. Geschichte u. Ästhetik d. Orgel. Archivalien
des Orgelbaureferates im Generalvikariat, Trier.
Josef Still