Gebrüder Stumm in Rhaunen-Sulzbach
Domorganist Josef Still,
Autor dieses Artikels, an der Stummorgel in der Trierer Welschnonnenkirche
Etwa 200 Jahre lang prägte
der klanglich wie handwerklich herausragende Stil der über sechs Generationen
im Orgelbau tätigen Orgelbauerdynastie Stumm das Gebiet an Mosel und
Rhein. Die Werkstatt lag in Rhaunen-Sulzbach, etwa auf halber Strecke zwischen
Trier und Mainz. Der Wirkungskreis erstreckte sich von Köln bis Saarbrücken
und von Luxemburg bis Amorbach im Odenwald.
Einige Daten in Stichworten
· Früheste Orgel
in Münstermaifeld 1722
· 370 Stumm-Orgeln
sind nachgewiesen. Bis heute sind etwa 140 Orgeln der Familie
erhalten (Unverändert
oder umgebaut bzw. teilweise erhalten).
· Wirkungskreis:
Kölner Gegend bis Saarbrücken (kath. St. Johann, ev.
Ludwigskirche), Luxemburg
(Dreifaltigkeitskirche) bis Amorbach im Odenwald
· Letzte Orgel aus
Sulzbach 1896 (Niederhosenbach), Erlöschen der Sulzbacher
Werkstatt 1920, der Kirner
Werkstatt 1906
Einzelne Generationen
und Stilentwicklung
1. Johann Michael Stumm
Johann Michael war zunächst
Goldschmied und ist Bruder des Johann Nikolaus Stumm,
eines bedeutenden saarländischen
Hüttenbesitzers (Neunkirchen,
Saarbrücken-Halberg)
Erbauer einiger dreimanualiger Orgeln;
- Einfluss von Frankreich
her: Hauptwerk, Rückpositiv, Echowerk, Pedal.
Klaviaturumfänge
C-c3 ohne Cis, Pedal C-d° oder g° ohne Cis
- Von Süddeutschland
her beeinflusst: Streicher, Quintatön. (Salicional 2'/4')
- Vollausgebildeter Principalchor,
flötige Cornette. Stets kräftige, französische
Zungen.
- Stumm-Stil über Generationen:
singende, ein wenig streichende Principale,
kräftige Zungen.
- Orgeln stimmen über
Generationen in technischen und klanglich-disponellen
Details überein, auch
Variation gleichbleibender Gehäuseformen
- Fast in allen Orgeln Cornetton:
½ Ton über Kammerton
- Tremulant im Positiv
- Meist Spanbälge übereinander,
zuletzt Kasten- oder Zylinderbälge
- Kundenkreis: Kirchengemeinden,
Abteien, Fürstenhöfe, Residenzstädte aller
Konfessionen, katholisch
wie protestantisch.
· Münstermaifeld
1722, zweimanualig, ursprüngl. mit RP
· Karden 1728, dreimanualig
· Leutesdorf 1735,
dreimanualig
· Mühlheim/Eis
(Kreis Frankenthal), um 1735
· Sulzbach evang.
1746, zweimanualig, seitenspielig
2. Die zweite Generation:
Johann Philipp und Johann Heinrich
Die Werkstatt erlebt die
größte Blüte und den weitesten Wirkungskreis.
Die seitenspielige Anlage
wird zur Norm, mittige Anlagen werden selten, einzige
hinterspielige Orgel: Trier
Welschnonnenkirche.
Das Rückpositiv wird
zum Echowerk/Unterpositiv im Untergehäuse, mit 4'-Prospekt:
· Trier Welschnonnen
1757 (einmanualig, angehängtes Pedal, Bälge im Untergehäuse)
· Meisenheim, Schlosskirche
1767/68
· Mainz Augustinerkirche
1773 "Brückenpositiv" nach süddt. Art
· Bendorf-Sayn, Abteikirche
1778
· Amorbach 1774-1782.
Größte Stumm-Orgel mit 45 Registern
3. Die dritte Generation:
Philipp, Franz, Friedrich Karl
Stilistik wie zweite Generation
· Schlosskirche Herrstein,
Ende 18. Jahrhundert
· Kleinich 1809
4. Die vierte Generation:
Carl und Franz Heinrich
Stilistisch bleiben die
Gehäuse innerhalb der spätbarocken Formensprache,
lediglich Rocaillen werden
von Empire-Dekor verdrängt (Ausnahme:
"Architekten"-Prospekte
wie Treis). Klanglich werden Zungen etwas romantischer
(Becherlängen, Kehlenformen).
Terzen und Cornette verschwinden nach und nach,
ebenso Vox humana und Salicional
2'/4'. Kammerton, etwa 438 Hz.
· Treis 1838 (ähnlich
Thalfang evang.)
· Trittenheim 1840
· Geisenheim 1842
· Pommern 1845
5. Die fünfte Generation:
Friedrich Carl und Georg Karl Ernst
Klang wird grundtöniger.
Positiv ins Untergehäuse ohne Prospekt eingebaut. Neben
historisierend Barockgehäusen
auch neoromanische und neugotische.
· Beulich 1853
· Thalfang 1877
· Veldenz 1888
· Mülheim/Mosel
1890
6. Die sechste Generation:
Friedrich und Karl
Wechsel von Schleiflade
zu Kegellade
· Staudernheim
Ende der Firma 1920
7. Kirner Werkstatt
Begründer der Kirner
Werkstatt um 1890: Gustav und Julius
Kegelladen, mechanisch und
pneumatisch. Etwa 20 Neubauten, gut erhalten:
Rhaunen kath. (mechan Kegellade,
1893)
Ende der Kirner Werkstatt
1906
Gründe für das
Erlöschen beider Firmen:
- Konservatives Verhalten
der Firma wird im fortschrittsgläubigen 19. Jh.
zunehmend als "rückständig"
ausgelegt.
- Auftauchen von Konkurrenz,
die moderner arbeitet: etwa Klais, Weigle ...
- Auftauchen lokaler Konkurrenz:
u.a. Breidenfeld in Trier
Stumm-Orgeln in Trier
1766 schrieb Johann Philipp
Stumm, er habe gerade das sechste Werk in Trier
aufgestellt. Nachweisbar
sind:
· Agnetenkloster,
Weberbach. Baujahr vermutlich 1729, Erbauer vermutl. Johann Michael Stumm. Die
zweimanualige Orgel hatte
14 Register und war seitenspielig. 1807 in den Dom
versetzt, 1905 nach Völklingen-Wehrden
(St. Josef) verkauft. Gehäuse ist
erhalten.
· Trier Dom Chororgel
(Vorgängerorgel der Agnetenorgel). Vermutlich kurz vor 1754
erbaut. Zerstörung
durch Franzosen
· Welschnonnen 1757
· Johannisspitälchen
1763 (2 Manuale?)
· St. Gangolf 1829
· Garnisonkirche
(Jesuitenkirche) um 1830
· Kuriosität:
Trier kam in den fünfziger Jahren des 20. Jh. zu einer weiteren
Stumm-Orgel: Die Kueser
Orgel (1830) wurde aus heute unverständlichen Gründen
abgerissen und den Weißen
Vätern (Afrikamissionare) geschenkt. Im Trierer
Kloster (Dietrichstraße)
wurden die Windladen und Pfeifen mit einer neuen
Traktur und einem gebrauchten
Spieltisch versehen. Der Aufbau erfolgte wenig
fachmännisch, aber
dauerhaft: Die Orgel spielt bis heute weitgehend
störungsfrei. Das originale
Gehäuse und die originale Spielanlage sind
verloren.
Stumm-Orgeln in der näheren
und weiteren Umgebung von Trier:
Thalfang
Mülheim/Mosel
Veldenz
Bischofsdhron
Trittenheim
Kues
Pünderich
Zell
Eller
Ediger
Karden
Treis
Luxemburg
Hambuch
Hillesheim
Literatur: Franz Bösken, Die Orgelbauerfamilie Stumm aus Rhaunen-Sulzbach und ihr Werk, Mainz 1960.
Hans-Wolfgang Theobald, Die Werkstatt Stumm in Rhaunen-Sulzbach. In: Die Orgel als sakrales Kunstwerk, Bd. 1, Mainz 1992.
Josef Still
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