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15.12.02
Erforschung statt Ehrfurcht
Claudio Monteverdis "Marien-Vesper" im Rahmen der Reihe "Aufbruch in die Moderne"
TRIER. Es dauert zwar noch etwas, bis der Spee-Chor 2004 sein 40-jähriges Bestehen feiert, doch mit dem Konzert-Zyklus "Aufbruch in die Moder- ne" haben Martin Folz und seine Sänger dem Weg dorthin schon jetzt ein Programm gegeben. Neueste Station auf dieser Strecke war die "Marien-Vesper" von Claudio Monteverdi.
Ein besseres Werk hätte Martin Folz unter der Überschrift "Aufbruch in die Moderne" kaum finden können, markiert Claudio Monteverdis vielleicht bekanntestes Opus Magnum der sakralen Musik doch einen Schnittpunkt von Tradition und Fortschritt, von Vollendung und gleichzeitigem Neubeginn. Der spätere Domkapellmeister an St. Marco in Venedig war sich der revolutionären Wirkung seiner Ideen, mit denen er sich um einen Posten im Vatikan bewarb, durchaus bewusst. Nicht umsonst stellte er in seinem Bewerbungsexemplar vor die Vesper eine vollständig im alten Stil gehaltene Messe, mit der er die Gunst des damaligen Papstes zu erreichen suchte.
Monteverdi bekam keine Anstellung am Petersdom, und man mag sich, auch und nicht zuletzt nach der Aufführung in der Pfarrkirche von Heilig Kreuz fragen, mit welcher Begründung er wohl abgelehnt wurde. War Paul V. ein musikalischer Ignorant, oder war ihm die neue Tonsprache dieses Tondichters zu gefährlich?
Heute, nach fast 400 Jahren und nach dem Konzert in Trier liegt letzteres als Vermutung nahe. Was Folz zusammen mit der Hannoverschen Hofkapelle inszenierte, war geprägt von einer hochmodernen, lebendigen und vor Übermut schäumenden Tonsprache, die so gar nicht verstaubt oder gar muffig wirkte. Das Publikum erlebte in Heilig Kreuz das Zusammentreffen von mehreren optimalen Faktoren, die sich zu einem Erlebnis vereinigten.
Da war neben dem Notenmaterial ein Orchester, das mit feurigem Elan bei der Sache war, keine Phrasierungsmöglichkeit ungenutzt verstreichen ließ und sich in dieser Tonsprache rundherum zu Hause fühlte. Der Ordnung halber sei erwähnt, dass jedes Orchestermitglied ein Meister seines Instruments ohne Fehl und Tadel war.
Dazu kamen mit den Sopranistinnen Caroline Weynants (Brüssel) und Monica Sproß (Trier), den Pariser Tenören Nicolas Bauchan und Jose Canalès sowie den aus Namur stammenden Bassisten Benoît Giaux und Philippe Favette vorwiegend junge, sicherlich noch nicht auf dem Höhepunkt ihrer Möglichkeiten stehende Solisten, die sich mit Engagement ihrer Aufgabe annahmen. Allen kann man zu ihrer Leistung nur gratulieren, wenngleich Bauchan und Weynants ob ihrer exquisiten Stimmen besonders erwähnt werden müssen.
Da gab es den Spee-Chor, der über weite Strecken den Eindruck hinterließ, als würde er tagtäglich nichts anderes tun, als höchst anspruchsvolle Literatur des Barock zu interpretieren. Kaum einmal gab es eine Passage, in der die Intonation wackelte oder Einsätze auf sich warten ließen.
Das alles koordinierte Martin Folz souverän, der oftmals die Partituren so tief ergründet, das es für manchen schon fast respektlos erscheint. Aber nur auf diesem Weg erschien es möglich, die großartige Vielfalt der Marien-Vesper zu ergründen. Folz erstarrt nicht in Ehrfurcht vor der Komposition, sondern erforscht sie und teilt seinem Publikum mit, was er aus dem Text herausgelesen hat. Das kann in einem solchen Werk, das von führenden Musikwissenschaftlern schon als musikalische "coincidentia oppositorum" ("Zusammentreffen der Gegensätze") bezeichnet wurde, nur interessant sein.
So wurden unter seinem Dirigat sowohl die durch und durch erotische Schönheit der Texte aus dem hohen Lied der Liebe deutlich als auch die tief frömmige Verehrung der Gottesmutter in der Vertonung des Magnificats und bildeten keinen Widerspruch, sondern eine große, in sich geschlossene Einheit.
Mit der Marien-Vesper verweilte der Spee-Chor auf seinem Weg in die Moderne an einem musikalischen Meilenstein, an dem man sich gespannt die Frage stellt, wo wohl die nächste Station sein wird.
Gerhard Kluth
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Mit freundlicher Genehmigung aus dem Trierischen Volksfreund:
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