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Kultchor und Talentschmiede
Die Trierer Sängerknaben werden 40 Jahre alt Bruder Basilius und seine Jungs trotzen dem Zeitgeist
TRIER. Mit dem Weihnachtskonzert 2002 feiern die Trierer Sängerknaben ihren 40. Geburtstag. Seit ihrer Gründung 1962 haben sie sich zu einer Institution mit Seltenheitswert entwickelt.
Der Proberaum in einem Nebengebäude des Brüderkrankenhauses sieht aus wie ein Klassenzimmer aus den Sechziger Jahren. Altmodisch, aber blitzsauber, feste Holzbänke, im Halbkreis um das Lehrerpult installiert, verblichene Fotos an den Wänden, Dokumente früherer Glanztaten. Adrette Jungs sind darauf zu sehen, mit Fliege und roten Westchen, in Reih‘ und Glied aufgestellt, dazu junge Männer in Messgewändern oder einheitlichen schwarzen Anzügen, alle wie aus dem Ei gepellt.
Piercing und schwarzer Anzug
Der perfekte Anachronismus wären da nicht vor der Tür die tobenden Jungs, einen verschlissenen Lederball kickend, unter einem Parkdeck-Dach, das kaum Schutz vor dem Nieselregen und der Kälte bietet.
Die Mitglieder des Männerchors sammeln sich in einem Nebenraum, 20-Jährige in Jeans und T-Shirt, einer im Bundeswehr-Tarnanzug, manchen ziert ein altersgemäßes Piercing. Sängerknaben? Das könnte, so in Zivil, auch ein Fußballverein sein. Und doch sind es die gleichen Gesichter wie auf den Fotos.
Bruder Basilius Wollscheid, der Leiter der Sängerknaben, packt, als wollte er die Reminiszenzen an frühere Zeiten bestätigen, eine Trillerpfeife aus und lässt sie kräftig ertönen. Binnen Sekunden hat der Lärm ein Ende. 25 Kinder und 25 junge Erwachsene formieren sich zu einem disziplinierten Klangkörper, der ein Weihnachtslied anstimmt.
"Freu dich Erd und Sternenzelt" erklingt, aber nur für ein paar Sekunden. "Hört mir mal zu, Männer", nimmt Bruder Basilius, wie er hier von allen genannt wird, seine Sänger ins Gebet. "Zu bombastisch", befindet er. Später folgen immer wieder kurze, klare Ansagen, die dokumentieren, dass der Dirigent offenbar jeden einzelnen Sänger bis in die letzte Reihe hinein heraushört.
Die Kinder in den ersten Reihen reißen den Mund so weit auf, dass es fast wie eine Karikatur wirkt. Ist es aber nicht. Bruder Basilius legt Wert auf saubere Technik und präzise Grundausbildung. Hier wird nichts vernuschelt, kein Ton geht in einem ominösen Klangbrei unter wie bei vielen anderen Chören. Den Status als Kultchor und anerkannte Talentschmiede haben sich die Sängerknaben redlich verdient.
Und doch erstaunt es, dass angesichts des angesagten Zeitgeists im beginnenden 21. Jahrhundert Kinder und Jugendliche über Jahre bei der Stange bleiben, unermüdlich geistliche Musik proben, um alle zwei Wochen Hochämter im Krankenhaus zu gestalten, jährlich ein Weihnachtskonzert zu geben und alle paar Jahre eine CD zu produzieren.
Fragt man ehemalige Sängerknaben, von denen etliche die Musik zu ihrem Beruf gemacht haben, nach dem Geheimnis, fällt immer wieder der Name von Bruder Basilius. Eine Vaterfigur für viele, ein Motivator, einer, der den Laden zusammenhält. Die Faszination dieser Persönlichkeit kommt rüber, schon wenn man den Ordensbruder einige Minuten am Dirigentenpult beobachtet.
Spitzbart, Halbglatze, wache Augen: So mag sich, zumindest äußerlich, Verdi seinen "Fra Melitone" aus der "Macht des Schicksals" vorgestellt haben, den listigen, redefreudigen, augenzwinkernden Mönch.
Dass mit der hehren Kunst alleine auf Dauer kein Chor zu machen ist, weiß Basilius Wollscheid, der aus der gleichnamigen Tarforster Gastronomen-Dynastie stammt, ganz genau. Seit der examinierte Organist und Chorleiter vor vierzig Jahren die Sängerknaben aus der Taufe hob, sorgte er stets auch für das soziale Miteinander.
Zunächst in Zeltlagern, später in einem selbst eingerichteten Ferienheim auf dem Schönfelder Hof gab es das, was Bruder Basilius zurückhaltend "Veranstaltungen mit Fetencharakter" nennt. Sie sorgten neben attraktiven Konzertreisen nach Rom, Paris oder Weimar dafür dass seine Jungs als Chormitglieder über die "komischen Jahre" (O-Ton Wollscheid) kamen.
Nur eines blieb tabu: die Erweiterung in Richtung eines gemischten Chors. "Da hätte ich nur Ärger mit gehabt", schmunzelt der Ordensmann. Zudem bestand das attraktive Repertoire aus "reiner Knabenliteratur", wie es Bruder Basilius von den "großen Vorbildern in Regensburg oder Wien" übernommen hatte.
Auf das Gehör kommt es an
Bis heute gilt ein gutes Gehör als entscheidendes Aufnahmekriterium bei der Trierer Sängerknaben. "Die Stimme kann man schulen, das Gehör muss man mitbringen", ist Bruder Basilius überzeugt. Seine Schüler kommen längst nicht mehr nur aus der Stadt, auch der Kreis ist in den letzten Jahren zunehmend vertreten.
Der gute Ruf hat sich herumgesprochen, der Status der Sängerknaben ist unangefochten. Was sich unter anderem darin zeigt, dass das städtische Orchester regelmäßig mit dem Chor auftritt. Im Gegenzug hilft Bruder Basilius stets dann, wenn das Stadttheater jugendliche Solisten braucht, wie jüngst bei der "Zauberflöte". Vielleicht wurde auch da wieder der Grundstein für spätere Karrieren gelegt.
Weihnachtskonzert der Trierer Sängerknaben am Donnerstag, 26. Dezember, um 17 Uhr in der Pfarrkirche Heiligkreuz. Karten bei den Musikhäusern Reisser und Kessler und an der Pforte des Brüderkrankenhauses.
Dieter Lintz
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Mit freundlicher Genehmigung aus dem Trierischen Volksfreund:
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