Mehr als Meer und frischer Fisch
Der Bildband über die Orgellandschaft Ostfriesland ist ein wertvoller Reiseführer
Ostfriesland - ein Landstrich im Norden unserer Republik, bei dessen Erwähnung viele den Geruch des Meeres in der Nase, das Rauschen der Brandung in den Ohren und den Geschmack frischen Fisches auf der Zunge haben. Bei manch einem mögen auch noch die Witze von Otto im Gedächtnis aufblitzen. Aber, Ostfriesland ist mehr. Insbesondere für Freunde der Orgel ist Ostfriesland geradezu eine Schatzkammer, deren Wert von anderen Regionen nur schwer zu erreichen ist.
Der Verlag "Soltau-Kurier-Norden" hat dies mit seinem 160 Seiten umfassenden Bildband "Orgellandschaft Ostfriesland" auf sehr eindrucksvolle Art dokumentiert. Verantwortlich für den Inhalt zeichnen die beiden Kirchenmusiker Prof. Harald Vogel und Reinhard Ruge, der Historiker Dr. Robert Noah und der Fotograf Martin Strohmann.
Ausgehend von der ältesten noch spielbaren Orgel in dieser Region, dem aus dem Jahre 1457 (ältester Bestand) datierenden Instrument in Rysum bis zu Orgeln die aus dem 20. Jahrhundert hervorgegangen sind dokumentiert das Quartett insgesamt 61 Instrumente. Ausgezeichnet recherchiert erhält der Leser zahlreiche Informationen über die historisch gewachsene Orgellandschaft im allgemeinen und über die Geschichte der Orgeln, der Gotteshäuser, in denen sie zu finden sind und über die Erbauer der Instrumente. Mit Vogel, renommierter Fachmann für die norddeutsche Orgelmusik, und Ruge, Organist an der auch unter seiner Leitung restaurierten Schnitgerorgel in Norden, konnte man, was die Qualität des Buches anging, eigentlich auch nichts anderes erwarten. Die historischen Zutaten von Noah ergänzen den Schriftteil mit nicht minder wertvollen Informationen, die über das rein Orgelfachliche hinausgehen. Geradezu exquisit sind die vielen Abbildungen, die Strohmann als einen ausgezeichneten Fotografen ausweisen, der nicht nur sein Handwerk versteht sondern auch einen Blick für das wesentliche hat. Liebevolle Detailaufnahmen gibt es ebenso reichlich wie exzellent belichtete Gesamtansichten.
Im Apendix des Bandes finden sich neben den Dispositionen auch Auflistungen der bedeutendsten Orgel der Region, der wichtigsten Orgelbauer, beginnend 1457 bis in unsere Tage und ein Glossar der Fachausdrücke.
Für sich genommen muss man dieses Buch unumwunden als ein reines Meisterwerk bezeichnen, dass eine große Bedeutung nicht nur für die Liebhaber der norddeutschen Orgel hat. Leider aber gibt es einen Aspekt, der die Qualität des Buches zwar nicht mindert, aber den Lesegenuss durchaus stört. Das Vogel ein großer Anhänger der Orgelbaufirma Jürgen Ahrend ist, kann zumindest in Fachkreisen als wohlbekannt vorausgesetzt werden. Das Ahrend auf dem Gebiet des Orgelbaus, insbesondere aber der fachgerechten Restauration herausragende Verdienste hat, soll auch an dieser Stelle nicht im mindesten bestritten werden. Trotzdem stört es, dass fast immer, wenn eine Restaurierung von den Autoren als beispielhaft, außerordentlich oder vorbildlich bezeichnet wird, man davon ausgehen kann, dass die Ausführung eben von Ahrend zu verantworten war. Dieser Umstand hinterläßt etwas den Beigeschmack, als habe man nicht eine allgemein gültige Schrift über eine Orgellandschaft in Händen sondern eine Werbeschrift für eine Firma.
Für jeden Orgelfreund ist dieses Buch ein wertvolles Nachschlagewerk und ein optimaler Reiseführer für eine Orgeltour an die Nordsee.
Harald Vogel/Reinhard Ruge/Robert Noah/Martin Strohman
Orgellandschaft Ostfriesland
Verlag Soltau-Kurier-Norden
ISBN 3-928327-19-4
Preis: 29 Euro
Gerhard W. Kluth