Mit unglaublicher Akribie sind die Orgeln des Bistums Trier (mit Ausnahme der Instrumente im saarländischen Teil der Diözese) dokumentiert worden. Die Publikation erschien im Mainzer Schott-Verlag. www.trierer-orgelpunkt.de bringt hier eine Besprechung aus der GdO-Zeitschrift „Ars Organi“.
Franz Bösken – Hermann Fischer – Matthias Thömmes, Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins, Band IV: Regierungsbezirke Koblenz und Trier, Kreise Altenkirchen und Neuwied
Aus dem Nachlass herausgegeben von Anneliese Bösken, Mainz: Schott Musik International, 2005, ED 9811, ISBN: 3-7957-1342-0, zwei Teile
Preis 98 EURO; GdO-Mitglieder bei Bezug über GdO 88,20 EURO
Mit dem Erscheinen des IV. Bands ist die von Franz Bösken begründete Reihe „Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins“ abgeschlossen. Die Bände I und II konnte er noch selbst verfassen. Für die Bände III und IV hatte er bereits umfangreiches Quellenmaterial gesammelt, das seine Frau Anneliese nach seinem Tod aus dem Nachlass Hermann Fischer (Aschaffenburg) zur Veröffentlichung anvertraute.
Der IV. Band behandelt die Orgelbaugeschichte in den Regierungsbezirken Koblenz und Trier sowie in den rechtsrheinischen Landkreisen Altenkirchen und Neuwied. Flächenmäßig entspricht diese Region in etwa dem Gebiet des heutigen Bistums Trier ohne den saarländischen Anteil bzw. den südlichen Teil der Evangelischen Landeskirche im Rheinland. Es handelt sich dabei um den flächenmäßig größten Untersuchungsraum, der bisher publiziert wurde – eine Region, die Franz Bösken (1909-1976) bereits im Rahmen seiner Stumm-Forschung in Angriff genommen hatte, aber wegen seines frühen Todes nicht mehr vollenden konnte.
Der Arbeitsgemeinschaft für mittelrheinische Musikgeschichte, die Böskens Werk in die „Beiträge zur mittelrheinischen Musikgeschichte" aufgenommen hat, ist es in Verbindung mit dem Musikverlag Schott in Mainz und mit dem Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiter zu verdanken, dass mit den vier Bänden der „Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins" eine deutsche Orgelregion von der Größe eines mittleren Bundeslandes erschlossen wurde. Zusammen mit den Arbeiten von Martin Balz, Gottfried Rehm und Eckhard Trinkaus (Süd-, Ost- und Nord-Hessen) ist damit die größte zusammenhängende Orgelregion Westdeutschlands topographisch erfasst.
Der im IV. Band aufgearbeitete Nachlass bestand aus nahezu vollständigen Exzerpten mit den frühesten Orgelnachrichten aus den Stifts- und Klosterkirchen des alten Bistums Trier, aus zahlreichen Pfarrarchiven (z.B. Orgelakten und -verträge aus dem 17. und 18. Jahrhundert), aus den Meldebögen des Jahres 1944 (mit Ergänzungen aus dem Archiv der Rheinischen Landeskirche) und aus der bis in die 1970er Jahre aufgearbeiteten ortsgeschichtlichen Literatur.
Trotz der noch bestehenden großen Lücken reifte bei Hermann Fischer und bei Anneliese Bösken der Entschluss, die rie-sige Vorarbeit ihres Mannes nicht in der Schublade verschwinden zu lassen, sondern durch Weiterführungen und Ergänzungen soweit abzurunden, dass eine brauchbare und mit reichem historischem Quellenmaterial
ausgestattete Orgeltopographie entstehen sollte. Dieses Quellenmaterial wurde ergänzt durch neuere Erkenntnisse aus der Literatur, von Organologen, Orgel-freunden, Orgelbauern und durch stichpunktartige Informationsbesuche.
So war z.B. die 1981 im Paulinus-Verlag in Trier erschienene Arbeit von Matthias Thömmes „Orgeln in Rheinland-Pfalz und im Saarland" für den IV. Band eine wertvolle Informationsquelle. Darüber hinaus stellte der Autor Hermann Fischer sein bereits fertiggestelltes Manuskript „Orgeln zwischen Nahe und Ahr" in selbstloser Weise für die Endfassung zur Verfügung.
Weitere Hilfe erhielt Hermann Fischer einerseits durch Jürgen Rodeland, der ihm mit neuen Quellen und Informationen aus dem Archiv der Firma Oberlinger sowie aus seinem Privatarchiv zur Seite stand, andererseits auch durch die Orgelbaufirmen Gerhardt in Boppard, Klais in Bonn, Mayer in Heusweiler und Willi Peter in Köln.
Das Untersuchungsgebiet war auch Schwerpunkt für das Wirken der Orgelbauerfamilie Stumm, der Franz Bösken 1960 erstmals eine organologische Monographie widmete (1981 von Anneliese Bösken mit Korrekturen und Ergänzungen neu herausgegeben). Aus Platzgründen konnten damals nicht alle dem Autor bekannte Orgelverträge in den Band aufgenommen werden. Soweit vorhanden, sind diese nun im vorliegenden IV. Band vollständig enthalten.
Der zweiteilige IV. Band mit insgesamt 1308 Seiten besteht im Wesentlichen aus einer Beschreibung der untersuchten Landschaft und seiner Geschichte und der Orgelgeschichte der einzelnen Orte. Nicht in allen Fällen gelang es Hermann Fischer, den neuesten Stand zu erreichen, so dass z.B. einige Dispositionen fehlen. Auch gibt es kein eigentliches Stichjahr, da Informationen noch bis März 2000 eingearbeitet wurden.
Die Orte folgen der alphabetischen Anordnung wie in Georg Dehios „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler", das Ortsregister ist aber vollständiger als dort. Die Kirchen sind mit dem Titelheiligen angegeben, ihre kurz gefasste Beschreibung orientiert sich an Dehio, ohne dass er im Quellenverzeichnis bei jedem Ort eigens genannt wird. Im Übrigen sind die Quellen- und Literaturangaben, wie im III. Band, ohne Fußnoten am Ende eines jeden Orgelartikels angegeben.
Ergänzt werden die Abhandlungen durch ein Orgelsachverständigen-, Literatur- und Personenverzeichnis sowie durch schwarz-weiß-Fotografien von Orgelprospekten aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert.
Mit den vier Bänden (3838 Seiten!) „Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins“ steht der Musikwissenschaft, Orgelbauern, der staatlichen und kirchlichen Denkmalpflege, Organologen und Heimatforschern ein einzigartiges Nachschlagewerk zur Verfügung. Herrn Fischer kann für seine unermüdliche Fleißarbeit nicht genug gedankt werden. Dies gilt selbstverständlich auch für Anneliese Bösken. Ohne ihre Bereitschaft, den Nachlass ihres verstorbenen Gatten für eine Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen, wäre das Zustandekommen des III. und IV. Bands nicht möglich gewesen.
Der größte Dank gilt jedoch Franz Bösken, der mit seinen Forschungen den mittelrheinischen Raum als Orgellandschaft erschlossen und damit einen nicht mehr wegzudenkenden Beitrag für die Orgelforschung in Deutschland und in Europa geleistet hat.
Die Rezension erschien in ARS ORGANI, Heft 3, September 2006.
www.trierer-orgelpunkt.de bedankt sich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.
Achim Seip