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Der ,Orgelführer Deutschland' ist nicht ganz ohne Vorsicht zu lesen
Orgeln sind dankbare Objekte für Bücher, insbesondere für solche, die auch reich bebildert und den Leser zu einem Besuch anregen sollen. Wenn auch, zugegebener Maßen, für gute Aufnahmen die Ausleuchtung nicht ganz einfach ist, so halten die Instrumente doch wenigstens still und lassen sich gut ablichten. Außerdem laufen Orgeln nicht weg, wodurch, eine geöffnete Kirche vorausgesetzt, der Leser sich jederzeit von dem überzeugen kann, was im Buch über die Königin der Instrumente geschrieben wurde.
Für den Verlag Bärenreiter haben sich der Germanistikprofessor und Organist im Nebenamt Karl-Heinz Göttert und der Kantor Eckhard Isenberg, beide aus Köln, aufgemacht, einen Orgelführer von Deutschland zu erstellen. Auf 265 Seiten durchreisten sie die Bundesländer der Republik und machen überall dort halt, wo es sich lohnt, die Kamera auszupacken oder zumindest den Stift zu zücken. Von Flensburg bis Weingarten, von Kevelaer bis Görlitz haben sie Informationen über Orgeln und Orgelbauer zusammengetragen und teilweise auf Humorvolle, teilweise auf sehr fachliche Art zu Papier gebracht.
Das Buch wendet sich, auch nach eigenem Bekunden der Autoren, an den interessierten Laien, bei dem kein oder nur wenig Fachwissen vorausgesetzt werden kann. Es soll eine Art Reiseführer sein, bei dem man nachschlagen kann, was in der eigenen Umgebung an Interessantem zu finden ist oder aber was der Leser bei seiner nächsten Fahrt nach Hamburg oder Bayern dort erwarten kann. Ein löbliches Ansinnen, das auch im Großen und Ganzen in die Tat umgesetzt wurde. Wenn beispielsweise in Düsseldorf die Orgeln der Johanneskirche und der Gnadenkirche als Aufhänger verwendet werden, so gibt es doch den Hinweis, dass auch noch etwa St. Franziskus-Xaverius und St. Andreas einen Besuch lohnen. Alles andere hätte einen Folianten zur Folge gehabt, unbezahlbar und auf Reisen auch nicht gut zu gebrauchen. So ist das Buch sinnvoll in Kapitel über Bundesländer sortiert und gibt einen recht guten Überblick von dem, was der Orgelfreund wo finden kann. Der fortgeschrittene Laie findet im Anhang auch noch eine große Anzahl von Dispositionen, anhand derer er sich schon eine virtuelle Klangvorstellung machen kann.
Bevor es richtig losgeht, geben die Autoren auch noch eine Einführung, in der sie den wirklichen Laien mit den wichtigsten Fachbegriffen und deren Bedeutung bekannt machen. So wird erklärt, wo der Unterschied zwischen Labialen und Zungen liegt, was Aliquotregister sind oder aber was diese merkwürdigen Zahlen hinter den Registernamen zu bedeuten haben.
Nun sollte man davon ausgehen, dass eine Publikation aus dem ehrenwerten Hause Bärenreiter ausgewogen und kompetent ist, vor allem, wenn es sich an Laien wendet. Hier aber hakt es und verdient keinen uneingeschränkten Applaus. Wer das Buch gelesen und studiert hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die besten und bemerkenswertesten Orgeln in Deutschland jene sind, die sich am Klangideal eines Aristide Cavaille-Coll orientieren und am besten noch mindestens einen 32' in ihrer Disposition aufweisen können. Nach der Lektüre weiß jeder, dass ein Instrument, das mit einem Récit und einer gewaltigen Zungenbatterie (natürlich nur französischer Bauart) aufwarten kann, besondere Aufmerksamkeit verdient.
Auch bei der Beurteilung von Restaurierungs- und Umbaumaßnahmen kann man nicht alles so stehen lassen, wie Göttert und Isenberg es in Druck gegeben haben. So etwa die Beschreibung der Orgel in der Liebfrauenkirche in Bottrop. Gebaut wurde sie 1929 von der Kölner Firma Seifert mit drei Manualen und 42 Registern. Es mag richtig sein, die im Laufe der Zeit vorgenommenen Umbauten, etwa die Ersetzung von romantischen Registern durch Mixturen und Aliquoten, als Missentscheidung zu brandmarken. Es mag auch richtig sein, die Bestrebungen der Rückführung des Instrumentes in den Originalzustand lobend anzuerkennen. Im gleichen Atemzug mit dem Wort "Rückführung" aber auch die Erweiterung der Orgel mit einer Bombarde im Schwellwerk lobend zu erwähnen, wodurch man über eine komplette Trompetenbatterie französischen Zuschnitts verfügt, ist ein Anachronismus, der die Tendenzen der Autoren bloßlegt. Ob die Entscheidung der Bottroper Kirchengemeinde richtig war oder nicht, soll und kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Ein Buch aber, das sich an Laien wendet, sollte von Objektivität geprägt sein.
Ein nicht zu verachtender Reiseführer für alle, die ihn richtig zu lesen und zu filtern wissen.
Karl-Heinz Göttert/Eckhard Isenberg
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