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Ein Lexikon mit Grundlagenwissen?
Der Orgelbau steckt, selbst für Menschen, die oft mit dem Instrument als solchem zu tun haben, voller Geheimnisse. Längst nicht jeder Organist kann einem Gast auf der Orgelbühne alles erklären, was sich da in seiner Königin der Instrumente so alles tut. Da macht es Sinn, ein Buch heraus zu geben, in dem Fachbegriffe wie „Spanischer Reiter“ oder „Abstrompneumatik“, „Historische Stimmung“ oder „Rollventil“ endlich einmal erklärt werden. Übernommen haben diese Aufgabe der Orgelbaumeister Michael Bosch zusammen mit den Musikwissenschaftlern Dr. phil Klaus Döhring und Dr. phil Wolf Kalipp. Sie konnten mit Bärenreiter auch einen renommierten Verlag finden, unter dessen Logo der 194 Seiten starke Band erschien.
Da geht es dann also los mit „Abgeführten Pfeifen“, über die „Kontraposaune“ und die „Kopfschleife“, hin zu den „Manubrien“, dem „Orgelsachverständigen“, bis zum „Zungenregister“ und der „Zwillingslade“. Hinzu kommt noch eine CD, auf der mit insgesamt 43 Tracks Klangbeispiele gegeben werden, die allesamt ihren Bezug zu den vorhergehenden Texten haben.
Ein Lexikon ist ein Nachschlagewerk, das niemals Anspruch auf Vollständigkeit für sich erheben kann. Das tun auch die Autoren dieses Bandes nicht. Sie erläutern, dass das Buch „aus der Notwendigkeit entstanden ist, Orgelliebhabern und professionell mit der Orgel Beschäftigten (Orgelbauern, Kirchenmusikern, Orgelsachverständigen, Pfarrern, kirchlichen Gremien) das Grundlagenwissen des Orgelbaus zu vermitteln.“ Sie haben sich nach eigenem Bekunden in erster Linie um praxisnahe Informationen bemüht und gehen davon aus, dass der geneigte Leser das Lexikon zum Anlass nimmt, sich über die verfassten Artikel hinaus noch weiter mit dem Spannungsfeld der internationalen Orgelkultur zu beschäftigen.
Das ist die erste Stelle, an der man im Zusammenhang mit dem Umfang des Buches ein wenig stutzig wird. Zum einen soll „Grundlagenwissen“ für eine ungewöhnlich vielfältige Leserschaft vermittelt werden, zum anderen aber wird man aufgefordert, sich in weitergehender Literatur tiefer in die Materie zu begeben. Da besteht schon eine Krux des Buches. Ein Mitglied im Orgelausschuss eines Kirchenvorstandes wird es kaum interessieren, was ein Labiumheber ist und ob es die gesamte angesprochene Leserschaft wirklich interessiert, dass der Ausdruck „Orgelmotor“ ein „fälschlicher Begriff für etwas ist, was es in der Orgel eigentlich nicht gibt (gezielt wird hier auf das Gebläse), mag auch in Zweifel gezogen werden.
Aber wie sieht es nun mit übrigen Fachbegriffe, deren Erläuterung die Leserschaft über das Geheimnis Orgel aufklären soll, aus? Hier muss man sich bei einigen Begriffen schon etwas erstaunt die Augen reiben. Sei es, wegen der merkwürdigen Umschreibung des Fachbegriffes, sei es, wegen der fachlichen Richtigkeit. Etwa beim Stichwort „Aufreiben“. Dort ist zu lesen, dass Pfeifen ab etwa 1 Fuß Länge „oder auf Ton genschnittene Pfeifen“ keine Stimmvorrichtung mehr haben und mit dem Stimmhorn gestimmt werden. Zum einen sollten die Zeiten, in denen Stimmrollen bis zum 1 Fuß hinunter angeschnitten werden, längst vorbei sein, aber zugegebener Maßen muss das jeder Orgelbauer selber wissen, zum anderen stellt sich die Frage, ob denn diese Pfeifen, kleiner als 1 Fuß nicht auf Ton geschnitten sind. Stichwort „Außenturm (Seitenturm)“. Hier wird erklärt, dass in diesen großen, den Hauptwerksprospekt beidseitig abschließenden Pfeifentürmen sich die Pfeifen von Prinzipalregistern der Hauptorgel aus Hauptwerk oder Pedal befinden. Was ist denn etwa mit einem Rückpositiv. Darf dieses Teilwerk keine Außentürme haben? Wenn das so wäre, müsste man gleich fünf Abbildungen von Orgelprospekten entfernen, deren Rückpositive alle mit Außentürmen aufwarten können.
Viele Orgeln werden heutzutage mit einem „Auxiliaire“ versehen, nur logisch, dass dieser Begriff auch im Lexikon Orgelbau zu finden ist. Laut der dort zu findenden Definition ist ein „Auxiliaire 1. ein Sammelbegriff für mechanische, elektrische oder elektronische Spielhilfen“; oder 2. „Elektronisch erzeugte Zusatzregister.“ Erläutert wird außerdem, dass der Begriff aus dem französischen stammt und soviel wie helfend heißt. Das der Begriff aber auch noch für „extra, zusätzlich, beigefügt“ steht, wird nicht erwähnt. Das obendrein dieser Begriff im Orgelbau häufig für horizontale Zungenbatterien, die keine eigene Klaviatur haben, gleich, ob sie von Beginn an oder aber nachträglich der Orgel zugefügt wurden, verwendet wird, auch davon ist keine Rede.
Als ein wenig zweifelhaft muss auch die Erläuterung zum Stichwort „Cent-System“ angesehen werden. Was nutzt es einem interessierten Laien, wenn er erfährt, dass dieses System von John Ellis entwickelt wurde, der leichteren Berechnung von Intervallen und Frequenzen dient und Grundlage der modernen elektronischen Stimmgeräte ist? Ist es von einem Buch, das Grundlagenwissen vermitteln will, zu viel verlangt, dort auch noch die simple Erklärung zu erwarten, dass Ellis mit diesem System die Oktave in 1200 Cent eingeteilt hat und dadurch jeder Halbton einen Wert von 100 Cent erhält? Der Wert der im Lexikon enthaltenen Definition tendiert einwandfrei gegen Null, um so mehr, wenn man beim Querverweis auf das Stichwort „Temperierung“ ebenfalls keinerlei brauchbarer Hinweis darauf zu finden ist, was denn nun das Cent-System eigentlich auszeichnet. Wo wir gerade beim Stichwort „Temperierung“ sind. Die Stimmung einer Orgel ist ein sehr komplexes Thema, dessen erschöpfende Behandlung niemand in einem Lexikon erwarten kann. Was Bosch und seine Kollegen im vorliegenden Band allerdings anbieten, ist mehr als mager. So bleibt die Frage, was denn nun eigentlich mit dem Ausdruck „Mitteltönig“ ausgesagt wird, bleibt unbeantwortet, historische Stimmungen scheint es nur von Andreas Werckmeister zu geben. Das ist für „Grundlagenwissen“ zum einen und für ein Lexikon zum anderen zu wenig.
Man mag vielleicht bis hierher noch der Meinung sein, dies seien zwar berechtigte, aber auch lässliche Kritikpunkte. Bosch, Döhring und Kalipp können das aber noch toppen. Stichwort „Chorton“. Zunächst setzen die Autoren die Begriffe Chorton und Cornetton als gleichbedeutend neben einander, obgleich Fachleute eigentlich wissen sollten, dass zwischen diesen beiden Stimmtönen bis zu einem Ganzton unterschied liegen konnte. Dann aber geht es geradezu ins lächerliche. Es wird behauptet, der Gebrauch des Chortons oder Cornettons habe ganz pragmatische Gründe gehabt. Durch die hohe Stimmung konnten die Pfeifen kürzer gebaut werden und der Orgelbauer konnte kostengünstiger arbeiten. Als Folge dieser Ökonomie stellen die Verfasser die Behauptung in den Raum, ein musizieren mit anderen Instrumenten sei dadurch nahezu ausgeschlossen gewesen, es sei denn, der Organist war in der Lage, zu transponieren. Wer solche Behauptungen in den Raum stellt, sollte besser anfangen zu transpirieren. Ein Student der Kirchenmusik, und für solche ist dieses Lexikon ja wohl auch erstellt worden, der mit diesen Darstellungen in eine Prüfung geht, dürfte wohl die Empfehlung erhalten, hier doch noch einmal genau nachzulesen. Dann würde er feststellen, dass die Cornettonstimmung gerade deshalb im Orgelbau gebräuchlich war, damit ein Musizieren zusammen mit den Stadtpfeifern möglich wurde.
Komplettiert wird das Lexikon mit einer Audio-CD, auf der, gespielt auf vier verschiedenen Orgeln, Klangbeispiele für im Buch genannte Begriffe vorgestellt werden. So werden etwa eine Hohlfloete gegen ein Lieblich Gedackt gespielt, ein Salicional wird vorgestellt oder eine Trompete. Ausführende sind die beiden Orgelsachverständigen Peer Schlechta an historischen Instrumenten, die von der Fa. Elmar Krawinkel restauriert wurden, und Juergen Bonn an der Boschorgel der Kasseler Friedenskirche. Diese Beigabe entspricht in vollem Umfang dem Buch. Die Darstellungen gipfeln in der Präsentation eine französisch-symphonischen Crescendos bis hin zum Grand Chœur, bei dem Bonn fast viereinhalb Minuten lang eine Sequenz an die andere reiht und dabei jeweils aufregistriert. Hier fragt man sich, ob die Verfasser allen ernstes der Meinung sind, die eingespielte Orgel habe etwas mit französischer Symphonik zu tun. Für eine Publikation, die wirklich ernst genommen werden soll, wäre es nur richtig gewesen, eine Orgel zu wählen, die tatsächlich in diesem Stil erbaut wurde. Einige französische Registernamen wie Flûte harmonique oder Voix humaine neben eine Streichprinzipal (was immer das zu sein hat), machen noch keine symphonische Orgel aus. Für die Klangdarstellung hätte man sich auch anderes Vorstellen können. Es gibt genügend Vorbilder, die in exquisiter Weise stilistisch einwandfrei die Klangmöglichkeiten einer Orgel improvisatorisch vorstellen, ohne das es in Sequenzgenudel ausartet.
Das interessanteste an diesem Buch ist ein internationales Adressenverzeichnis von Vereinigungen, Institutionen, Museen und Fachverlagen, die sich allesamt mit dem Thema Orgel befassen.
Die 194 gebundenen Seiten mit vielen, überwiegend farbigen Abbildungen und einigen Zeichnungen, in einem Format, das nicht ganz DinA 4 erreicht, kosten stolze 34,95 Euro. Nicht mit eingerechnet sind die Kosten für die weiterführende Literatur, ohne die dieses Lexikon keinen Sinn hat. Es macht staunen, dass sich ein renommierter Verlag wie das Haus Bärenreiter, das nicht zuletzt durch ausgezeichnete Buchreihen einen sehr guten Ruf hat, bereit war, diese Publikation in sein Programm aufzunehmen.
Lexikon Orgelbau, m. Audio-CD (Gebundene Ausgabe)
Verlag Bärenreiter 2007, 194 Seiten
ISBN 978-3-7618-1391-1
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