Vor diesem Lexikon sei gewarnt.
Die Orgel ist, darüber dürften wir uns alle einig sein, ein schwergewichtiges Instrument. Und sie ist auch ein geheimnisvolles. 2300 Jahre, von Ktesebios bis heute, die haben ihre Spuren hinterlassen. Kaum ein anderes Instrument eignet sich besser dazu, ja, fragt geradezu danach, dass man ein Lexikon darüber anlegt. In diesem Jahr sind gleich zwei Lexika über das „Instrument der Instrumente“, wie Michael Praetorius die Orgel bezeichnet, erschienen. Neben dem „Lexikon Orgelbau“ des Verlags Bärenreiter, das der Trierer Orgelpunkt schon besprochen hat, ist ein weiteres vom Verlag Laaber veröffentlicht worden. Obwohl dies keine vergleichende Besprechung werden soll, muss man einen augenfälligen Unterschied schon erwähnen. Während die Publikation aus Kassel mit 194 Seiten nachgerade bescheiden ausfällt, ist das „Lexikon der Orgel“ mit 904 Seiten Umfang ein echtes Schwergewicht. Es hinterlässt alleine schon von der Haptik den Eindruck, dass man hier etwas solides in der Hand hat.
Was die Herausgeber Hermann J. Busch und Matthias Geuting hier zusammen getragen haben, steht aber auch und vor allem inhaltlich auf grundsoliden Füßen. 109 (sic!) teilweise international sehr renommierte Fachleute konnten sie zur Mitarbeit bewegen, um, wie es im Vorwort heißt: „ein differenziertes Bild der Orgel und ihrer Geschichte zu zeichnen – von den Anfängen in der Antike bis hin zur aktuellen Gegenwart.“ Auf ein Werk, wie das jetzt vorliegende, hat die Orgelwelt schon lange gewartet. Niemand geringerer als Ton Koopman hat dem Folianten ein Geleitwort voran gestellt, in dem er sagt: „Ein Lexikon der Orgel zu Verfassen ist ein atemberaubendes Unternehmen – zu umfangreich erscheint der Stoff, den es zu ordnen und aufzubereiten gilt. Wer sich…über die für dieses Instrument geschriebene Musik und seine Baugeschichte informieren wollte, kam nicht ohne eigene Fachbibliothek aus.“ Nun, auch wer dieses Lexikon sein Eigen nennt, wird in Zukunft nicht auf seine Fachbücher verzichten können, und die weitere Äußerung Koopmans, „Alles, was über die Orgel wissenswert und interessant, für den Berufsorganisten unabdingbar ist, findet sich in diesem, alle Dimensionen sprengenden Kompendium“ schießt schon ein klein wenig über das Ziel hinaus. Hier bei liegt die Betonung allerdings auf „ein klein wenig“ und das sei dem Verfasser eines Geleitwortes gerne zugestanden.
Über die Orgel schreiben, ohne die Musik zu berücksichtigen, das geht nicht. Über die Musik schreiben, ohne auf die Komponisten einzugehen, das geht ebenso wenig. Wenn das aber ein muss ist, dann müssen auch die Einflüsse der Musik auf die Orgel und umgekehrt mit einbezogen werden. Eine Sisyphusarbeit – stimmt. Dann lassen wir es besser – stimmt nicht. Busch und Geuting haben es gewagt und haben gewonnen. In sehr übersichtlicher Form haben sie haben sie sich mit Themenkreisen wie Orgel-Epochen, Architektur, und Kompositionen befasst. Orgellandschaften sind ebenso vertreten wie Beiträge zur Spieltechnik, Probleme des liturgischen Orgelspiels werden ebenso wenig ausgespart wie, man lese und staune, Betrachtungen zu den gesundheitlichen Aspekten des Orgelspiels. Daneben berühren sie noch das nach wie vor heikle Thema des Orgelbaus im Nationalsozialismus und auch den Themenbereich „Orgelbau in der Synagoge“, der kaum jemandem präsent sein dürfte.
Eine wahre Flut an Information, die es also galt, in dieser Publikation zu verarbeitet. Daneben gab es natürlich auch die Notwendigkeit des „Fasse dich kurz“. Immerhin wiegen die zusammengetragenen Informationen 2600 Gramm. Ein Spagat, dessen Schwierigkeit man sich leicht vorstellen kann, der aber in diesem Fall voll und ganz geglückt ist. Die Beiträge zu den technischen Termini kommen sehr schnell auf den Punkt, informieren umfassend, ohne mit überflüssigem Ballast versehen zu sein. Bei den Komponisten lassen sie biografische Informationen weg, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie zum Allgemeinwissen gehören, gehen dafür aber auf interpretationstechnische Fragen um so intensiver ein. Verdienstvoll ist es auch, dass Orgelbauer in diesem Informationskonvolut reichlich vertreten sind. Nicht bei allen, aber bei vielen Namen wird man fündig, kann der Band mit Informationen über Werdegang des (Gründungs-)Meister bis in die Jetztzeit aufwarten. Angefüllt wird das Ganze durch Zeichnungen, die einen wirklichen Aussagewert haben, bei denen man sich tatsächlich ein Bild, etwa von der Funktion einer Springlade, machen kann. Dazu kommt eine reiche Bebilderung, die Orgeln zeigt, Künstler, Orgelbauer bei der Arbeit und (man muss fast sagen: selbstverständlich) Notenbeispiele. Ein durchweg farbig gehaltener Bildanhang gibt einen kurzen, aber aussagekräftigen Überblick über die Orgelentwicklung von der berühmten Cäciliendarstellung bis hin zu einem Instrument, auf dem wahrscheinlich auch Micky Mouse über die Tasten geflitzt ist. Hier sind auch die Dispositionen beigefügt. Ein Glossar, das die wichtigsten ausländischen Begriffe aus Notentexten ins Deutsche überträgt und eine europäische Übersicht über Museen sowie eine Auflistung von Internetadressen komplettieren dieses Finale. Das hier der Trierer Orgelpunkt nicht vertreten ist, gibt natürlich Punktabzug. Das aber wird sicherlich in der nächsten Auflage korrigiert werden.
Wem nutzt dieses Lexikon? Allen, die in irgendeiner Form etwas über die Orgel und den mit ihr irgendwie verbundenen Themen etwas wissen wollen. Wie schon erwähnt, die Fachbücher wird es nicht ersetzen, darauf haben es die Herausgeber wohl auch nicht abgesehen. Aber um das zu vermitteln, was andere für sich in Anspruch nehmen und nicht erfüllen, nämlich ein Grundlagenwissen zu vermitteln, ist das „Lexikon der Orgel“ von der ersten bis zur letzten Seite geeignet. Quasi als Sahnehäubchen oben drauf kommt noch hinzu, dass die Erscheinung des Bandes einen sehr edlen Eindruck hinterlässt und man sich im Strukturaufbau sehr leicht zurecht findet. Ebenfalls angenehm ist, dass jeder Beitrag mit dem Kürzel des Autoren versehen ist, man also weiß, wer sich hier zu einer Frage, zu einem Stichwort geäußert hat.
Freilich, solch eine edle Publikation hat ihren Preis. Stolze 128,- Euro (ab 30. Juni des nächsten Jahres 148,- Euro) kostet der Band. Dafür aber bekommt man ein Lexikon, das mit seinem Text und seinen 148, teils farbigen Abbildungen wirklich informiert und auch ein häufiges Nachschlagen problemlos aushält. Es sei aber gewarnt: Wer den Band einem Orgelfreund unter den Weihnachtsbaum legt, läuft Gefahr, dass der Beschenkte nach der Bescherung nur noch marginal ansprechbar ist. Zu verlockend ist es, sich in die Informationsflut zu versenken. Der Dankbarkeit für dieses Präsent aber kann man sich gewiss sein. Wenn es das im Orgelpunkt gäbe, würde dieses Lexikon 5 von 5 Sternen erhalten.
Lexikon der Orgel
Laaber Verlag
Hermann J. Busch / Matthias Geuting (Hrsg.)
Mit einem Geleitwort von Ton Koopman
2. Auflage. 906 Seiten mit 148, z.T. vierfarb. Abb. Leinen mit Schutzumschlag. € 128,– (Subskriptionspreis bis
30.6.2008, danach ca. € 148,–)
ISBN 978-3-89007-508-2
Gerhard W. Kluth