Leserbriefe aus dem Trierischen Volksfreund zum Domchor-Konzert
am 11. November 2001
Übergesprungener Funken 
Zur Kritik "Wovon Mozart schon begeistert war" (TV vom 13. November):

Was will der Rezensent eigentlich sagen? Ich habe den Eindruck, hier hat jemand ein paar nichtssagende, pseudo-kompetente, rhetorische Floskeln aneinander gereiht, die bloß nicht zu positiv klingen dürfen. Man hat ja schließlich seine Ehre als Kritiker! Ich war beim Konzert und kann nur als Nicht-Fachmann sagen: Der Funken, der von der Musik und den Musikern ausgegangen ist, ist auf mich übergesprungen. Die Reaktion von vielen anderen – übrigens auch von wirklich kompetenten Fachleuten –, die ich im Anschluss an das Konzert gesprochen habe, bestätigen mich in meiner Haltung und in meiner Kritik an der Kritik.

Ulrich Graf von Plettenberg
54290 Trier
 

Provinzialismus
Zu "Wovon schon Mozart begeistert war" (TV vom 13. November):

Wer in solch billiger Art und Weise ein Konzert dieser Güte schlecht macht und zugleich mit solch unsachlichen, keineswegs fachkompetenten Pseudo-Floskeln Wirkung erzielen möchte, hat sich mit der musikalischen Bedeutung und Leistung des Trierer Domchores und seiner herausragenden Stellung weit über die Stadtgrenzen von Trier und des Bistums hinaus in keinster Weise beschäftigt. Er beschämt die Ausführenden, die mit hohem Engagement und Feinsinnigkeit ein solches Konzert auf die Beine gestellt haben. Zugleich ist es unrichtig zu behaupten, der Trierer Domchor spielte in der Vergangenheit im Trierer Konzertleben eine eher untergeordnete Rolle. Dies widerlegen allein schon Aufführungen im Zeitraum der letzten zehn Jahre wie Beethovens Missa Solemnis, Händels Messias, Pergolesis Stabat Mater, Bruckners Messen in E-Moll und F-Moll und nicht zuletzt das "Deutsche Requiem" von Johannes Brahms. Hinzu kommen zahlreiche Konzerte großartigster Chormusik in A-capella-Form. Als beachtlich hervorzuheben sind neben den Leistungen des Chores bei öffentlichen Konzertveranstaltungen auch die hervorragenden und qualitativ hochwertigen Darbietungen in der Liturgie der Hohen Domkirche. Welcher Chor kann schon von sich behaupten, ein so umfangreiches und breitgefächertes Repertoire zu besitzen, das jederzeit, auch kurzfristig, abrufbar ist?

Wie lässt sich die Aussage rechtfertigen, der Chor sei ein konservativ ausgerichteter Klangkörper. Die internationalen Erfolge des Domchores bei zahlreichen bedeutenden Wettbewerben beweisen doch das Gegenteil. Diese Kritik ist mal wieder der Beweis von Provinzialismus und belegt allzu deutlich, dass manche Kritiker an notorischer Selbstüberschätzung leiden. Schade!

Armin Lamar
66787 Wadgassen
 

Doppelte Freude 
Zu "Wovon schon Mozart begeistert war" (TV vom 13. November):

Vor einigen Wochen brachte der TV einen kritischen Bericht über den Nutzen des Lateinunterrichts. Nach Auffassung vieler Zeitgenossen sei das Erlernen der "toten" Sprache Latein verlorene Liebesmühe und ein Unterfangen, das sich nicht rechne. Wahrscheinlich richtig – vom Standpunkt der reinen Wirtschaftlichkeit. Doch wer im Trierer Dom die herrliche Aufführung von Allegris "Miserere" und von Mozarts "Requiem" erleben durfte, wird vielleicht anders über den Wert des Lateins urteilen.

Den Besuchern der Aufführung wurde ein Programmheft überreicht, das die lateinische Originalfassung des "Miserere" und des "Requiem" neben der deutschen Übersetzung bot. Für Allegri und Mozart bildeten die lateinischen Originale die Grundlage ihrer Komposition, mit den lateinischen Texten ist ihre Musik in geradezu symbiotischer Weise verwoben. Die doppelte Freude an der Musik und am Text durften jene Hörer und Leser empfinden, die das Glück hatten, irgendwann zur lateinischen Sprache hingeführt worden zu sein. Die Aufführung im Dom hat mir und sicher vielen anderen nochmals klar gemacht, dass es in der lebendigen und großen Kunst nichts Totes gibt, weder Musik noch Sprache. Wer fragt, ob sich die Schönheit der klassischen Musik oder der klassischen Sprache Latein gewissermaßen auszahle, hat bereits den falschen Maßstab angelegt.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Heinz Heinen
Uni Trier
54286 Trier
 

Ungereimtheiten
Zur Rezension "Wovon schon Mozart begeistert war" (TV vom 13. November):

Üblicherweise pflege ich auf Rezensionen eigener Aufführungen nicht zu reagieren, doch die Suche des Herrn Sander nach den "Spurenelementen" unserer (künftigen) Dommusik enthält Ungereimtheiten, die so nicht stehen bleiben können.

Dass der Domchor im Konzertleben Triers bislang eine "untergeordnete Rolle" gespielt hätte, entspricht nicht den Tatsachen und entwertet in gewisser Weise die Arbeit meines Vorgängers, Prof. Klaus Fischbach. In nahezu jedem Jahr seiner Amtszeit gab es ein großes Domkonzert mit Meisterwerken der Oratorienliteratur oder mit anspruchsvollen A-cappella-Programmen. Auch für mich definiert sich die Rolle des natürlich vorrangig liturgisch tätigen Domchors nicht über die Quantität, sondern über die Qualität seiner Konzerte. Manch weitere Merkwürdigkeit wäre zu erwähnen, etwa dass die "Solisten von Rang" auf Grund der im Mozart-Requiem fehlenden "großen Arien" ein "eher enttäuschendes Erscheinungsbild" hinterlassen hätten. Welch verquere Logik! Oder dass Domorganist Josef Still "wenig authentisch" registriert hätte. Es wäre sehr erhellend, wenn der Rezensent uns an seinen Erkenntnissen über "authentische" Mozart-Registrierung teilhaben ließe... Dass der Rezensent zur Leistung des Chores, die sich nach Ansicht der zahlreich im Dom vertretenen Fachleute auf ungewöhnlich hohem Niveau bewegte, kein einziges positives Wort findet, stimmt mich traurig, wird dies doch den gut 70 Chormitgliedern, darunter bemerkenswert viele Jugendliche, in keinster Weise gerecht. Dass er zwischen Orchester ("um historische Spielweise bemüht") und Chor ("nazarenisches Klangideal") gar einen Zwiespalt zu hören glaubt, finde ich schlicht ärgerlich, denn gerade daran haben wir Wochen und Monate gefeilt: Ein leichtes, federndes, sprachorientiertes, wo nötig expressives und "durchschlagkräftiges", immer aber dem rhetorischen Spiel der alten Instrumente adäquates Klangbild zu erzielen – dieser Anspruch wurde, wie sich übrigens auch beim Hören des bereits vorliegenden Mitschnitts nachvollziehen lässt, weitestgehend eingelöst.

Für die Zukunft hoffe ich, dass Rezensenten nicht darüber räsonieren, was sie möglicherweise a priori vom Domchor oder von einem Domkonzert erwarten, sondern darüber berichten, was tatsächlich erklungen ist.

Stephan Rommelspacher, Domkapellmeister

E-Mail: dommusik@bgv-trier.de

http://www.trierer-orgelpunkt.de