| Wiedergutmachung
an Verdi
Sehr deutsch, sehr innig,
sehr schlicht und frei von Klischees: Das Requiem unter Manfred May in
St. Maximin
Von DR. MARTIN MÖLLER
TRIER. Verdis Requiem gilt
als Paradestück kirchenmusikalischer Italianitá. Die Aufführung
in St. Maximin zeigte, dass es auch einen anderen Zugang zu der großen
Komposition gibt.
Jetzt erst hat das Verdi-Jahr
auch Trier erreicht. Das Theater hielt sich mit Ausnahme einer Schmalspur-Version
der "Macht des Schicksals vom Jubilar fern und kapriziert sich statt dessen
auf Archivbestände aus der Zeit um 1900. Im Dom liebt man Mozart und
in der Konstantin-Basilika Händel. Die Festspiele an der Mosel und
an der Sauer hielten es mit Bruckner und Berlioz. Auch wenn man nicht an
die Magie runder Jahreszahlen glaubt: Der 100. Todestag des großen
Musikdramatikers und die damit verbundene höhere Aufmerksamkeit in
Publikum und Medien wären ja auch eine Chance gewesen, den unbekannten
Verdi auf die Bühne bringen und damit die leidigen Klischees vom Leierkasten-Dramatiker
und der Riesengitarre endgültig zu erledigen. Dafür fehlte den
Programmplanern offenbar der Mut. Oder hatten sie ans Jubiläum gar
nicht gedacht?
Stilistisch bemerkenswertes
Konzert
Und jetzt, wie eine musikalische
Wiedergutmachung, eine wunderschöne, tief empfundene und stilistisch
bemerkenswert eigenständige Aufführung des Requiems. Unter Manfred
May klingt die Komposition, die als Höhepunkt geistlicher Italianitá
gilt, ganz anders: sehr deutsch, sehr innig, dabei wunderbar geschlossen
und einheitlich. Nicht dass die starken, die kraftvollen und mitreißenden
Momente fehlten: Der Trierer Konzertchor gibt dem "Dies irae apokalyptische
Wucht, und in der zu Unrecht kritisierten Akustik von Maximin entfaltet
der Blechbläserklang im sorgfältig, sicher und solide musizierenden
Orchester eine wahrhaft endzeitliche Raumwirkung.
Aber solche Momente stehen
nicht im Zentrum der Aufführung. Es sind die stillen, die nachdenklichen
Partien. Der Grundton ist nicht südländisch glutvoll und farbenreich,
sondern liedhaft und herbstlich verhalten. Das Fagott, das im "Quid sum
miser des "Dies irae üblicherweise Elend und Schwäche illustriert
(und dafür hervorragend geeignet ist), wird hier zum wunderschön
geblasenen, zart-kantablen Begleiter der Mezzosopranistin. Der Chor nimmt
die ersten Requiem-Takte ganz schlicht und auch den folgenden a-cappella-Abschnitt
ohne demonstrativen Nachdruck. Er singt die Musik aus, statt Emotionen
oder Situationen darzustellen. Er tut das ohne Aplomb, ohne Forcierungen,
ohne selbstgefällige Kraftakte und bleibt nur in den beiden Fugen
diffus. Nicht Theatralik dominiert, sondern die Idee der Kammermusik, eine
Differenzierung des Intimen, die Verdi den Deutschen zuschrieb und selber
perfekt beherrschte. Selbst in wuchtigen Höhepunkten bleibt ein fast
eigensinniges Beharren auf solcher Intimität spürbar. Manfred
May entdeckt den Mozart und den Brahms in dieser Musik und gibt ihr beides
mit: unverbildete Schönheit und ein Stück herber Nachdenklichkeit.
Das Solistenensemble ist
dafür die Idealbesetzung. Allen voran Judith Németh. Alles
stimmt. Ohne Allüren, frei von Manierismen, mit vollendet einheitlicher
Klanggebung und perfekter melodischer Linienführung zieht ihr Mezzosopran
die weiten Bögen im "Dies irae nach, bietet Textprägnanz, Beweglichkeit
und Stimmglanz und bleibt doch bei aller sängerischen Souveränität
lyrisch und verhalten. Helmut Wildhabers Tenor singt Verdi, als wär's
Schubert: wortbezogen, mit zahlreichen Klangdifferenzierungen, mit unforcierter
und tragfähiger Tongebung und einer betörend leichten Höhe.
Barbara Dobrzanskas Sopran fehlte diesmal die Souveränität, die
von ihren Theateraufftritten in Erinnerung geblieben ist. Aber im abschließenden
"Libera me setzt sie doch zarte Glanzlichter. Und Franz Grundheber, der
uneitle Star, er artikuliert Text und Musik mit unübertrefflicher
Deutlichkeit und enormer Strahlkraft. Dennoch bleibt sein Gesang frei von
Theatralik – Kirchenmusik, nicht geistliche Oper. Damit intergriert er
sich ins Ensemble, ein Muster von Anpassungsfähigkeit.
Orchester, Chor, Solisten,
sie alle fügen sich unter Manfred Mays Dirigat zu einem geschlossenen
Ganzen – klanglich und interpretativ. Es ist mehr als nur Verdi auf deutsch.
Gerade wenn sie nicht auf italienisch daherkommt, entfaltet diese Musik
ihren Reichtum und ihre Universalität. Dann erst wird deutlich, worauf
Verdi nach eigenem Bekunden zielte: nicht auf Sparten und Stile, nicht
auf Klassik, Romantik, Verismus, Idealismus, Zukunfts- oder Vergangenheitsmusik,
sondern nur auf die eine, die wahre Kunst. Eine Kunst, die alle Menschen
anspricht, die überzeugt, statt nur zu überreden. In Trier setzte
der enthusiastische Beifall erst nach einer langen Besinnungspause ein. |