![]() |
![]() |
![]() |
|
|
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|
|
Orgelpunkt durchsuchen:
|
 
Sigfrid Karg-Elert ist in den angelsächsischen Ländern seit Jahrzehnten im
Bereich der Orgelmusik ein Begriff wie Johann Sebastian Bach; in Deutschland
seit den 70er Jahren nach dem Abflauen der Orgelbewegung allmählich wieder in
das Bewußtsein rückend, ist sein Werk mittlerweile wenigstens teilweise in
modernen Ausgaben zugänglich und das Orgelschaffen weitgehend erschlossen.
Dennoch ist eine seiner größten Kompositionen für Orgel vollkommen unbekannt
geblieben und liegt hier ... erstmalig auf Tonträger vor. In seinen Ausmaßen
sowie in seiner Aufführungsdauer von ca. 30 Minuten steht op. 73 neben den
Großwerken Regers für Orgel, wie dessen "Introduction und Passacaglia" e-Moll, op.
127. In seiner Schlußsteigerung unter Hinzuziehung von Blechbläsern, Pauken,
Tamtam und Becken geht Karg-Elert allerdings weit über die ohnehin schon
immensen Klangmöglichkeiten der Orgel der Jahrhundertwende hinaus, in der Suche
nach immer neuen, noch großartigeren Klangsteigerungen den Intentionen eines
Gustav Mahler wesensverwandt. Um die Aufführung des Werkes zu erleichtern,
fügte Karg-Elert einen musikalisch identischen Schluß ohne Blechbläser dem Werk
hinzu. Gewidmet war die Komposition Alfred Sittard, der ab 1912 an der St.
Michaeliskirche in Hamburg die damals weltweit größte Orgel in einer Kirche
mit 5 Manualen und 162 Registern zur Verfügung hatte. Ähnlich wie Regers op.
127, für die 1913 entstandene noch größere Orgel der Jahrhunderthalle in
Breslau bestimmt, fordert Karg-Elerts "Fugentrilogie" alle Errungenschaften der
"modernen" Orgel der Zeit um 1900 mit ihren symphonischen Klangmöglichkeiten und
ihrer großen dynamischen Palette. In wesentlichen Teilen schon 1908
entstanden, hielt Karg-Elert selbst viel von diesem Werk:
"Aber alle diese Sachen überragt um turmeslänge die Chaconne (od. wie es
ital. heißt: Ciacona)...; wieder ein 'Basso ostinato', aber nach dem Vorbild
Frescobaldis (der Vorläufer Bachs) nur 4-taktig (!!), diese Phrase (Pedal) wird
42mal wiederholt, und immer und immer wieder verflechten sich die
Manualstimmen zu neuen und neuesten Combinationen, stets andre Firguren, stets andre
rhythmische Gestalten, immer (also 42mal) neue Harmonisierungen. Der
Uneingeweihte ahnt gar nicht, daß der Baß hartnäckig seine Phrase wiederholt, oben im
Manual entwickelt sich alles ganz natürlich wie irgend eine Sonate oder
Phantasie. Das sind aber kompositionstechnische Schwierigkeiten von denkbar
schlimmster Sorte, ich bin selig, daß sich mir alles so ganz ohne mein Zutun
natürlich ergab. Tagsdrauf gelangte mir eine Fuge mit zwei Themen in b-Moll, dann
gleich eine drollige Doppelfuge (mit Umkehrung und Vergrößerung) in es-Moll
(...) ... Eines der besten Werke der gesamten Literatur ... es braucht wohl kaum
gesagt zu werden, daß die Verstärkung durch die Orchesterinstrumente in
diesem Werk eine ästhetische und formale Notwendigkeit ist. Große Formen bedürfen
großer Ausdrucksmittel, der inneren Steigerung muß auch die äußere
entsprechen... Bei der Fülle hochbedeutender Orgelkünstler, die mit dem Rüstzeug
imponierender Technik und mit hoher Intelligenz großen Aufgaben gewachsen sind,
dürfte dieses Werk bald seinen Weg machen."
Karl Straube beglückwünschte Karg-Elert schriftlich zu seinem neuen großen
Orgelwerk in einem Schreiben vom 27.12.1910:
"... Wenn ich Ihnen durch mein Spiel irgend wann irgend wie geholfen habe,
so ist mir das eine grosse Genugtuung und Freude, namentlich wenn Werke wie
op. 66 (?, gemeint ist wohl op. 65) und op. 73 dabei herauskommen. Ich finde
die Chaconne ganz hervorragend und es wird mir eine ebenso grosse Ehre wie
Freude sein, das Werk hier in Lpzg. und in Berlin zur Aufführung zu bringen. Der
Aufstieg in Ihren Orgelwerken von op. 25 - über op. 66 (s.o.) - zu op. 73 ist
ganz enorm und hoffe ich sehr, dass Sie in dieser Richtung zu den grossen
Formen straff und energisch fortschreiten werden. - Was ich dazu tun kann, um
Ihren Namen bekannt zu machen, soll geschehen ..."
Straube spielte op. 73 am 4.6.1913 in Jena zum Tonkünstlerfest des
Allgemeinen Deutschen Musikvereins mit Bläsern des Leipziger Gewandhausorchesters.
Später sollte er unter dem Einfluß der Orgelbewegung von seiner positiven Haltung
zu Karg-Elert vollkommen abrücken. Daß Interpreten seines Ranges wie auch der
junge Leipziger Student Helmut Walcha Karg-Elerts Orgelwerke in Konzerten
Spielten, ist erst seit einigen Jahren wieder bekannt. Karl Hoyer spielte das
Werk als einen seiner Repertoireschwerpunkte in zahlreichen Orgelabenden, so
bei seinem Abschiedskonzert in der St. Jacobikirche in Chemnitz, anläßlich
seines Weggangs an die Leipziger St. Nicolaikirche am 5. August 1926. In den 39er
Jahren wurde es still um diese monumentale Komposition der Orgelliteratur.
Die Abkehr von der romantischen Orgel und die "kirchenmusikalische Erneuerung"
mit ihrer Rückbesinnung auf die barocke und vorbarocke Zeit taten ein
übriges, diese wie auch andere wertvolle Kompositionen der Spätromantik aus den
Konzerten zu verbannen."
Aus: Booklet zur CD:
Spätromantische Orgelmusik - Jörg Strodthoff an der Orgel der Auenkirche in
Berlin-Wilmersdorf
(JUBALmusic 1997; Katalog-Nr. CD970927)
Jörg Strodthoff
Besuchen Sie unsere Sponsoren: Musikhaus Kessler
Bischöfliche Weingüter
|
|
Karg-Elert-Jahr 2002, zu Karg-Elerts op. 73
. |
Zum Seitenanfang Diese Seite drucken |
|
|