Organistenhimmel und Organistenhölle
Das "Organistenbüchlein" von Hans Haselböck
Eine Orgel hat verschiedene Register, deren Zusammenstellung man mit "Disposition" bezeichnet. Für jeden, der sich ein wenig intensiver mit der Königin der Instrumente befasst, eine ganz klare Sache, die keiner weiteren Frage bedarf. Was aber, wenn ein Organist ein Konzert in einer Stadthalle spielen soll, er sich bei der Stadtverwaltung nach der Disposition erkundigen will und als Antwort auf die Frage nach derselben folgende Auskunft erhält: "Unsere Orgel hat keine Disposition - sie ist völlig in Ordnung."
Diese (offensichtlich tatsächlich passierte) und ähnliche Geschichten hat Prof. Dr. Hans Haselböck, organistisches Urgestein aus der Alpenrepublik Österreich, in einem neuen "Organistenbüchlein" zusammengestellt, das jetzt beim Schott Verlag in Mainz erhältlich ist. Auf 103, seinem Sohn Martin, "den Kenner von derlei Sach und Art" zugeeigneten Seiten hat Haselböck "einen amüsanten und lehrreichen Streifzug durch die Welt der Orgel und ihrer Protagonisten" verfasst, den man, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen kann. Ergänzung finden die Texte durch teilweise geradezu köstliche Zeichnungen von Hubert Hölzl.
Neben den "Fährnissen", denen sich alle aussetzen, die "sich mit einer Orgel einlassen, ja möglicherweise hoffnungslos vom Orgelbazillus befallen sind", enthält das Organistenbüchlein noch ein "HNO". Dies ist kein Verzeichnis der fähigsten Doktoren für Erkrankungen im Hals-Nasen-Ohrenbereich, bei denen man nach übermäßigem Genuss eines Pfeifeninstrumentes einen verkorksten Hörapparat wieder einrenken lassen kann. Nein, es ist ein "Höchst Notwendiges Orgellexikon", in dem Haselböck die allernotwendigsten Fachbegriffe aus der Pfeifenwelt erläutert. Um dem geneigten Leser dieser Zeilen einen kleinen Einblick in dieses streng wissenschaftlich verfasste Nachschlagewerk zu geben, seien zwei, nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Beiträge hier zitiert.
B wie Brustwerk: "Übliche Bezeichnung für ein Teilwerk einer Orgel, in bester Position vorne in der "Schauseite" des Instruments untergebracht und von den Alten nicht selten in seiner Wirkung als "delikat und lieblich" bezeichnet. Doch damit nicht genug, hat man es in neuerer Zeit darüber hinaus noch schwellbar eingerichtet. Beachte: Dieser Ausdruck bezieht sich lediglich auf das Instrument und keineswegs auf Organisten oder gar Organistinnen und deren Schauseite! (Und da sage noch einer, dass die Orgelei immer nur mit dem öden Präambulieren und dem strengen Kontrapunkt zu tun habe und nicht die Phantasie anzuregen imstande ist!)"
O wie Orgelfreunde: "Gewöhnlich männlich, der Gruppe der Jäger und Sammler zuzurechnen, selten einzeln, häufiger dagegen in Gruppen auftretend, weder Kosten noch Mühen scheuend, jegliches auf irgendeine Wiese in Reichweite kommende orgelähnliche Instrument zu besehen, zu belauschen, zu bereden, nach Möglichkeit selber zu versuchen, auf jeden Fall aber in Erscheinungsform (Foto), Anlage (Disposition) und Klangwirkung (Tonaufnahme) festzuhalten und selbiges der eigenen, auf diese Weise immer reicher und wertvoller werdenden Sammlung einzuverleiben. Von tauschbörsen oder ähnlichen Einrichtungen (Sparte "Bild- und Tondokumente": Tausche drei Zweimanualige, zwar leicht verstimmt, dafür aber ganz mechanisch, gegen die Domorgel von Hochoberkirchen) ist bisher noch nichts bekannt geworden."
Gewarnt seien all diejenigen, ja, es sei ihnen geradezu vom Kauf des Organistenbüchleins abgeraten, denen die Orgel und ihre Musik etwas Geheiligtes, Transzendentales darstellt, das vor jedweder Ironie, jedem Angriff aus dem Bereich des erschütterten Zwerchfelles zu schützen ist. Angeraten aber sei es jedem Pfeifenverehrer, der zumindest mit einer Zehenspitze auf der Erde verblieben ist und noch nicht die Fähigkeit verloren hat, trotz aller Spährenklänge einmal ganz irdisch-herzlich zu lachen. Ihnen ist ein Platz im O wie Organistenhimmel sicher, in dem man laut HNO, so man denn hineinkommt, immer Orgelmusik hören darf. Der Gegensatz dazu ist die Organistenhölle, in der man ständig Orgelmusik hören muss!
Hans Haselböck
Organistenbüchlein
Atlantis Musikbuch-Verlag
ISBN 3-254-00262-8
103 Seiten, 19,95?
Gerhard W. Kluth