Hochdruckorgel,
Elektrizität und ein Konkurs
Die schwäbische
Firma Weigle baut von 1899 bis 1908 an einer Doppelorgel
Die legendäre Wiener
Weltausstellung im Jahr 1873 hatte den Besuchern zahlreiche Attraktionen
zu bieten. Eine davon war eine „Elektromagnetische Orgel“ des Stuttgarter
Orgelbauers Weigle. Natürlich wurde bei ihr der Ton wie bisher durch
Orgelpfeifen erzeugt; die Betätigung der einzelnen Ventile aber geschah
erstmals durch 845 kleine Elektromagnete und nicht mehr durch herkömmliche
Mechaniken aus Holzstäbchen, Wippen und Winkeln. Die neue Erfindung
machte es möglich, Orgelspieltische weit entfernt von der eigentlichen
Orgel aufzustellen. Zur Verbindung genügte ein Kabelstrang.
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Die in Wien vielbestaunte
Orgel ist insofern erwähnenswert, als sich dieses neue System im Orgelbau
erst fünfzig Jahre später durchzusetzen begann. Die meisten Orgelbauer
hatten sich um 1890 herum auf pneumatische Orgeln verlegt und wagten sich
erst in den zwanziger Jahren an die Elektrik.
Schwäbischer Tüftler
Das Trierer Domkapitel schloß
1899 mit eben diesem Carl G. Weigle einen Vertrag zum Neubau einer Orgel.
Weigle war ein exzellenter Orgelbauer, der damals schon Instrumente bis
nach Amerika, Afrika und Asien geliefert hatte. Der schwäbische Tüftler
konnte eine ganze Reihe von Erfindungen vorweisen, die er auch auf den
Briefbögen seiner Firma angab; bis auf den „Registerschweller“ sind
seine Patente jedoch allesamt wieder aus dem Orgelbau verschwunden. Neuheiten
in der Trierer Domorgel sollten das elektro-pneumatische System, ein elektrisches
Orgelgebläse und als besondere Sensation eine Hochdruckorgel sein.
Die Pfeifen dieses Teilwerkes bekamen viermal soviel Winddruck wie die
herkömmlichen Pfeifen; ihre Lautstärke soll etwa doppelt so groß
gewesen sein. Das linke Gehäuse enthielt ausschließlich solche
Hochdruckpfeifen, insgesamt zwölf Register. Auf der rechten Empore
stand die „Normal-Orgel“ mit 43 Registern. Auch der Spieltisch, von dem
aus beide Orgeln gespielt werden konnten, stand rechts.
Baustop
Der Vertrag vom Februar 1899
sah eine Fertigstellung der ganzen Orgel innerhalb von nur acht Monaten
vor. In der Tat war die Normal-Orgel im Dezember fertig, konnte aber nicht
aufgestellt werden, da die Gehäusegestaltung noch unklar war. Sogar
ein Jahr später, als an der Jahreswende 1900/1901 die Orgel aufgebaut
wurde, wurde aus gleichem Grund anstelle des Orgelgehäuses ein provisorischer
Verschlag um das Werk gezimmert.
Wie aus heiterem Himmel
muß Anfang 1902 die Nachricht gekommen sein, Weigle könne die
Orgel nicht vollenden, da ein Konkursverfahren gegen ihn eingeleitet sei.
Mehrere Firmen boten an, die Orgel weiterzubauen; das Domkapitel beauftragte
schließlich Friedrich Weigle, den Bruder des Firmenchefs, unter der
Auflage, die Orgel bis Oktober 1903 fertigzustellen. Weil sich aber die
Dombaukommission immer noch nicht über die Gehäuseform einigen
konnte und außerdem der zu kleine elektrische Gebläsemotor Mühe
hatte, den Wind für die Hochdruckorgel zustande zu bringen, kam Friedrich
Weigle in Terminnot. 1904 übernahm ein weiterer Bruder die Bauleitung
und vollendete ein Jahr später die Hochdruckorgel. Richtig funktioniert
hat sie aber erst 1907 , als das schwache Gebläse durch ein größeres
ersetzt worden war. Geliefert hatte es nach langen Verhandlungen das Bayerische
Elektricitätswerk München/Landshut. Mittlerweile waren auch die
beiden Orgelgehäuse fertiggeworden. Nachdem aber wiederum eine gesetzte
Frist zur Vollendung der Orgel nicht eingehalten worden war, wurde es dem
Domkapitel zu bunt, und es beauftragte die Firma Klais in Bonn mit der
Fertigstellung. Im Mai 1908 wurde der Vertrag mit Klais gemacht; im September
war die Orgel fertig.
Domorganist Boslet jubiliert
Noch vor seiner offiziellen
Ernennung zum Domorganisten schrieb Ludwig Boslet im Jahr 1909 an Friedrich
Weigle: „ ... wenn dann der Domchor in herrlicher Harmonie erklingt und
die Domorgel in brausender Großartigkeit den weiten Raum erbeben
läßt, so möchte man wirklich jubilieren. Das große
akustische Innere des Domes beläßt Ihren Hochdruckregistern
eine überaus glanzvolle Wirkung. Das Plenum berauscht förmlich.
Eine solche edle Tongewalt hörte ich noch niemals über die Köpfe
der Kirchenbesucher dahinrauschen. Fürwahr! Man wird des Hörens
nicht satt.“
Die Firma Weigle hat sich
offenbar vom Konkurs und seinen Folgen schnell erholt: Allein in Trier
baute sie in den folgenden Jahren zwei prächtige Orgeln, 1910 in der
Liebfrauenkirche und 1913 in der evangelischen Konstantin-Basilika. Ebenfalls
1913 entstand eine große, weitgehend noch erhaltene Weigle-Orgel
in Altenkessel bei Saarbrücken.
DISPOSITION DER WEIGLE-ORGEL IM TRIERER DOM
Vertrag von 1899, Fertigstellung 1908
Die Disposition der neuen Orgel mit 55 klingenden Registern (39 Normal- und
16 Hochdruckregistern), 3 Manualen mit je 54 Noten und einem Pedal mit
27 Noten enthielt folgende Register:
I. Manual C - f'''
1. Prinzipal 16'
2. Lieblich Gedackt 16'
3. Tuba 16'
4. Hd. Prinzipal 8' (Hd. = Hochdruck)
5. Hd. Fugara 8'
6. Hd. Gedackt 8'
7. Hd. Gemshorn 8'
8. Trompete 8'
9. Hohlflöte 8'
10. Salicional 8'
11. Flute octaviant 8'
12. Hd. Oktave 4'
13. Rohrflöte 4'
14. Fugara (Hirtenflöte) 4'
15. Mixtur 5fach 4'
16. Acuta 22/3'
17. Oktave 2'
II. Manual (Normalorgel) C - f'"
18. Bourdon 16'
19. Salicional 16'
20. Prinzipal 8'
21. Doppelflöte 8'
22. Viola di Gamba 8'
23. Lieblich Gedackt 8'
24. Dulciana 8'
25. Aeoline 8'
26. Dolce 8'
27. Clarinette 8'
28. Oboe 8'
29. Cornett 3-5fach 8'
30. Geigenprinzipal 4'
31. Traversflöte 4'
32. Violine 4'
33. Doublette 2fach 2 2/3' u. 2'
Pedal (Normalorgel)
34. Prinzipalbaß 16'
35. Subbaß 16'
36. Violonbaß 16'
37. Gedecktbaß 16'
38. Harmonikabaß 16'
39. Posaune 16'
40. Flötenbaß 8'
41. Bassethorn 8'
42. Oktavbaß 8'
43. Cellobaß 8'
III. Manual (Hochdruckorgel, auf der gegenüberliegenden Seite
und mit der Normalorgel elektro-pneumatisch verbunden)
44. Hd. Stentorphon 8'
45. Hd. Großgedeckt 8'
46. Hd. Viola di Gamba 8'
47. Hd. Flöte 8'
48. Hd. Violine 8'
49. Hd. Tuba mirabilis 8'
50. Hd. Geigenprinzipal 4'
Pedal (Hochdruckorgel)
51. Hd. Prinzipalbaß 32'
52. Hd. Subbaß 16'
53. Hd.Oktavbaß 16'
54. Hd. Baßtuba 16'
55. Oktavbaß 8'
Das Hochdruck-Gebläse für die Hd. Orgel erhielt 320 mm, die Hd. Register erhielten 300 mm, ausgenommen Oktavbaß 16', derselbe erhielt, weil zum Prospekt verwendet, nur 150 mm Winddruck. Die Orgel besaß 6 Schöpfbälge.
Das Ende
Die Orgeln in Liebfrauen
und in der Konstantin-Basilika fielen den Kriegszerstörungen zum Opfer
und auch die Domorgel überstand den zweiten Weltkrieg nicht unversehrt.
Ein Bombentreffer im August 1944 verursachte so schwere Beschädigungen
der Hochdruckorgel, daß man sich nicht entschließen konnte,
sie wieder reparieren zu lassen. Die „Normal-Orgel“ mußte fortan
ohne die Hilfe der Hochdruckpartnerin auskommen. Ihren letzten großen
Einsatz hatte die Weigle-Orgel bei der Heilig-Rock-Wallfahrt 1959. Fünf
Jahre später, im März 1964, wurde der Dom geschlossen und die
Renovierung begann. Die Orgel hatte ausgedient; 1969 baute man sie ab.
Quellen:
Gustav Bereths: Beiträge
zur Geschichte der Trierer Dommusik. Mainz 1974; Franz Ronig (Red.): Der
Trierer Dom, 1980; Hermann Fischer: 100 Jahre Bund deutscher Orgelbaumeister;
Werbeprospekt Weigle ca. 1913; Archivalien des Bistumsarchivs, Trier (Abt.
91/278)
Josef Still