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Orgelpunkt durchsuchen:
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"Das
ächte Neue keimt nur aus dem Alten,
Diese
Verse von August Wilhelm Schlegel, zitiert in einem Aufsatz von Karl Schafhäutl
Über die Kirchenmusik des katholischen Cultus 1834 in der Leipziger
Allgemeinen Musikalischen Zeitung (1), fassen in aller Kürze die Maxime
der gesamten Restaurationsbewegung des 19. Jahrhunderts, wie sie sich in
Dichtung, bildender Kunst, Philosophie und Theologie sowie in der Musik
zeigt, zusammen (2).
Den
Bereich Liturgie und Kirchenmusik betreffend, wird diese Erscheinung unter
dem Terminus "Cäcilianismus" zusammengefaßt (3). Mit der Rückorientierung
auf das "Alte", auf die "Vergangenheit", auf die "ew'gen Künstler",
wie Schlegel formuliert, ist, auf die Kirchenmusik bezogen, die Klassische
Vokalpolyphonie mit Palestrina im Zentrum gemeint (4). Allenthalben wird
Palestrinas Tonkunst überschwenglich gepriesen.
So
erschien im Jahre 1814 in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung der bahnbrechende
Artikel Alte und neue Kirchenmusik des Dichtermusikers Ernst Theodor Amadeus
Hoffmann (1776-1822), wo es heißt:
"Mit
Palestrina hub unstreitig die herrlichste
Zehn
Jahre nach diesem Essay Hoffmanns in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung
erschien die Streitschrift des Heidelberger Juristen Anton Friedrich Justus
Thibaut (1774-184o) Über Reinheit der Tonkunst (6), die als "unmittelbare
Anregung...für die musikalische Restauration" angesehen wird (7).
Für Thibaut ist die Musik "vernünftig und moralisch", die "mäßig,
ernst, würdig gehalten, durchaus veredelt und leidenschaftslos" ist
(8). Genau diese Attribute treffen für Palestrinas Musik zu, eine
Musik, die die Mitte findet, Extreme in melodisch-rhythmischen und klanglichen
Bereich meidet und dadurch Allgemeinverbindlichkeit, Universalität,
ja echte Katholizität überhaupt in sich birgt. Dieser "wahren
Kirchenmusik" - so der Prager Pianist Joseph Proksch (1794-1864) - als
"der wärmste Erguß eines für den Himmel glühenden
Gemüts" stehen die "vulgären, weichlichen, üppigen, Melodieführungen,
Harmonieführungen und Kadenzen der modernen Kirchenkomponisten gegenüber"
(9).
Damit
sind die Kirchenwerke der Wiener Klassik und deren Epigonen (Anton Diabelli,
Robert Führer, Franz Bühler, Ludwig Schiedermayer, Karl Kempter,
Franz Schöpf und andere) gemeint, die vor allem im Orchestersatz stark
profane Züge aufweisen (10). Gerade der Orchestersatz, der den liturgischen
Text verdeckt, "frivole Leichtfertigkeit und eitle Kokketerie" (11) erzeugt,
ist Hauptangriffspunkt der Cäcilianer. Der bahnbrechende Reformer
des Cäcilianismus im 19. Jahrhundert, Franz-Xaver Witt (1834-1888),
der mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Cäcilienvereins
1868 in Bamberg (ACV) die bisherigen Ideen und Bemühungen für
die liturgisch-kirchenmusikalische Erneuerung sozusagen institutionalisierte,
spricht in diesem Zusammenhang von "sinnekitzelnder Musik" (12). Sie steht
entschieden subjektorientiert den allgemeinverbindlich (objektiv) gehaltenen
Kompositionen Palestrinas gegenüber, die sich durch "Ruhe und Einfachheit
der Melodie, ....Strenge der Harmonik,....Natürlichkeit und Freiheit
des Vortrags vor allem Sentimentalen und Forcierten" auszeichnen (13).
Grundlage
der kirchenmusikalischen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts war das Liturgieverständnis
der Frühcäcilianer mit der zentralen Gestalt Johann Michael Sailer
1758-1832 (14). Für Sailers Verständnis von Kunst, speziell Tonkunst,
ist seine akademische Rede Von dem Bunde der Religion mit der Kunst (1808),
gehalten an der Universität Landshut, von grundlegender Bedeutung.
Der Kernsatz dieser Rede lautet: "Die Religion steht mit der Kunst in einem
Bunde, der nicht zufällig, nicht verabredet, sondern nothwendig, wesentlich,
der nicht heut oder gestern entstanden, sondern ewig ist" (15). Für
Sailer sind Kunst, die sich verschiedenartig als "Baukunst"..."Bildende
Kunst"..."Poesie" und "Musik" äußert (16), damit auch Tonkunst
und Liturgie untrennbar miteinander verbunden, und zwar "wesentlich", "notwendig"
und "ewig". Ihr tieferer Sinn liegt darin, Religion nach "außen"
in der Gemeinschaft der Kirche zu "offenbaren" (17) und religiöses
Leben nach "innen" zu erhalten und zu wecken. "Die nämliche Musik,
die die innere Andacht offenbart, erhält, stärkt und erhöht
sie auch da, wo sie ist, sowie sie sie wecket da, wo sie noch nicht ist"
(18). Somit ist für Sailer Tonkunst nicht Selbstzweck, sondern in
ihrem ewigen Bund mit der Religion auf Gott hin gerichtet, mit dem Ziel,
ihn transparent werden zu lassen.
Umgekehrt:
Löst sich die Tonkunst von der Religion, das heißt von ihrem
Ursprung, bzw. von der Liturgie als notwendiger Ausguß von Religion,
so ist sie dem Verfall ausgesetzt und zeigt sich im schlimmsten Fall in
"ihrer häßlichsten Entartung" (19) Dies ist dann der Fall, wenn
sich Musik - ihrer Freiheit verlustig - sklavisch modernen Zeitströmungen
anpaßt. So kritisieren die späteren Cäcilianer die Kirchenmusik
der Wiener Klassik (Haydn, Mozart, Beethoven) in ihrer Anpassung an weltliche
Gattungen (Oper, Konzert usw.). Sailer meint dies vermutlich auch, wenn
er allgemein feststellt:
"Ich
weiß wohl, daß die schönen Künste unheilig
Nur
diese Werke besitzen Qualität von "heiliger Kunst", und hier zielt
Sailer - sich auf Sokrates berufend - auf die ethisch-erzieherische
Wirkung von Musik ab -, "die uns lehret ... die Gedanken des Endlichen
mit den Gedanken des Unendlichen ... in eine große und wundervolle
Harmonie zu stimmen" (21). So gelangt der Mensch "vom Wahren, Guten, Seligen
- Schönen, zum Urwahren, Urguten, Urseligen - Urschönen" (22).
Gerade
diese Gedanken Sailers finden wir erstmals in Trier bei Dommusikdirektor
Johann Baptist Schneider (zu Schneider s.u.) in dessen Beitrag Etwas über
Musik, insbesondere Gesang (184o) (23), unter dem besonderen Aspekt der
musikalischen Erziehung innerhalb und ausserhalb der Kirche (Haus, Schule,
Leben). Im übrigen zitiert Schneider zweimal Thibauts Schrift Über
die Reinheit der Tonkunst (24), des weiteren den italienischen Palestrina-Verehrer
und Komponisten Ferdinand Paer (1771-1839) (25).
"Musik
ist eine schöne Kunst - die Universalsprache
Musik
trägt "zur Veredelung" bei und "erzieht für den Himmel", nicht
bloß in der Kirche, sondern auch in "Haus", "Schule" sowie im "Leben"
überhaupt (27). Schneider moniert, daß die Musik in allen Lebensbereichen
unter dem Einfluß der Opernmusik beziehungsweise der Profanmusik
entartet sei, da sie "auf die Oberfläche des Fleisches geworfen ist",
... aufs "Eitle" abzielt und als "fades Geklimper... nach Effekt" strebt.
Musik dagegen, die sich als "edle Kunst" begreift, "muß mit dem Himmel
nahe verwandt sein" (28). Dies berührt sich wiederum mit dem, was
Sailer als "Kunst im festlichen Kleide" bezeichnet, als "Tochter des Himmels",
die nur dem "Heiligen" dient (29). Dies wollen Sailer und Schneider nicht
nur auf die Liturgie, sondern auf alle Lebensbereiche angewandt wissen,
wobei für beide die Offenbarung der Religion durch Tonkunst "das Heiligste"
ist. Musizieren soll "zur Belebung edler Gefühle und zu sittlicher
Erheiterung" beitragen (30). Schließlich ist Musik sowohl im kirchlichen
als auch im weltlichen Bereich für Schneider ein "heiliges Band, das
die Herzen ... vereint" (31). Deswegen empfiehlt er "schöne, edle
Lieder, sittliche Rundgesänge" zu singen, die die Menschen in Liebe
zueinander führen, wobei die "Himmlische Kunst" im Leben insgesamt
zur "Förderung von Religiösität, Sittlichkeit, Menschenliebe
und Humanität" beiträgt (32).
Etwas
über drei Jahrzehnte später greift der bedeutendste Kirchenmusikreformer
in Trier, Michael Hermesdorff (zu Hermesdorff s. u.), allerdings auf die
Kirchenmusik begrenzt, diese Gedanken in seiner Rede Über die hohe
Bedeutung der kirchlichen Tonkunst, gehalten auf der dritten Diözesan-Generalversammlung
in Saarburg, wieder auf (33).
Hermesdorff
spricht von der "Macht", die die Tonkunst auf den Menschen ausübt,
konkret auf sein "Herz", der Mitte des Menschen. Diese "Macht" der Musik
auf das "menschliche Herz" kann "gefährlich" werden, wenn sie - wie
"in dem Heidenthume...nur dem Sinnlich-Schönen nachstrebt und damit
ganz in den Dienst des Unlautern verfallen war und Geist und Herz immer
mehr von Gott hinweg - und in den Schlamm sittlicher Verkommenheit hineingezogen
hatte". Dem mußte sich das Christentum, die Kirche, entschieden widersetzen
und
"darauf
Bedacht nehmen, die Kunst ihrer ursprüng-
Der
in erster Linie praxisorientierte Kirchenmusiker Hermesdorff drückt
in dieser Rede von 1873 das aus, was der Pastoraltheologe Sailer zu Beginn
des Jahrhunderts kunstphilosophisch dargelegt hatte, was dann unmittelbar
auch zum kirchenmusikalischen Reformwerk Carl Proskes, Joseph Schrems und
schließlich Franz Xaver Witts in Regensburg geführt hat (35).
Hermesdorff spricht von der "ursprünglichen Idee" der Tonkunst, Gott
sichtbar werden zu lassen, "das Überirdische und Göttliche immer
mehr zu wecken und zu beleben" (36) (Offenbaren und Beleben sind auch für
Sailer, wie oben herausgestellt, Grundfunktionen von Liturgie und Kunst
überhaupt) (37). Dies ist vom Ursprung her nur durch "jene erhabenen,
edlen und begeisternden Gesänge, die nur im Chorale und den an den
Choral sich anschließenden polyphonen Werken" möglich (38).
Hermesdorff lehnt deswegen auch jede selbstzweckorientierte, die "nicht
mehr im Dienste des Herrn" stehende Musik ab, eine Musik, die jeder Mode
der Zeit folgt, ihre Wurzeln vergißt, ihren Ursprung, "ihre ursprüngliche
Idee und Bestimmung" und "im Dienste ... der Sinnlichkeit" in dem "Schlamm
niederer Leidenschaften" aufgesogen wird. Hermesdorff spricht in diesem
Zusammenhang von den "Schandstücken eines Offenbach und Suppé
(er meint sicherlich deren Operetten) und übt Kritik an den Wiener
Klassikern Haydn, Mozart und Beethoven, deren Messen "nichts Anderes als
Conzertstücke" sind, "in welchen die Musik nur um ihrer selbst willen
da ist, darauf berechnet, zu blenden, zu fesseln und den Beifall des Zuhörers
zu erringen" (39). Der Hauptangriffspunkt Hermesdorffs ist, wie in den
cäcilianischen Kreisen allgemein, deren unbekümmerte Textbehandlung,
sowie der Primat des Orchesters in Anlehnung an Instrumentalformen wie
etwa "Symphonie" oder "Sonate" (40). Hermesdorff betrachtet, wie E.T.A.
Hoffmann, die Entwicklung der Kirchenmusik als eine bis ins 16. Jahrhundert
hinein ansteigende Linie mit Palestrina als Höhepunkt - Palestrina
erwähnt er jedoch nicht expressis verbis -, worauf der unaufhaltsame
Niedergang folgte. Dabei sieht er im Gegensatz zu den strengeren Cäcilianern
die Vergangenheit durchaus großzügiger, wenn er dem "Unwesen
profaner Musik in unseren Gotteshäusern" durch "den alten Glanz der
mittelalterlichen Tonkunst und der kirchlichen Tonwerke des 16. und 17.
Jahrhunderts" begegnen will (41).
Die
wenigen ästhetischen Aussagen der Trierer Kirchenmusikreformer Johann
Baptist Schneider und Michael Hermesdorff decken sich durchaus mit der
cäcilianischen Ästhetik allgemein. Diese kommt extensiv auch
in mehreren Beiträgen anderer Autoren (beispielsweise Otto Gumprecht)
in der von Hermesdorff von 1872-1878 redigierten und von Heinrich Oberhoffer
1862 gegründeten Trierer kirchenmusikalischen Zeitschrift Cäcilia.
Organ für katholische Kirchenmusik (42) zur Sprache.
Die
Frage ist nun: Wie sah in Trier die kirchenmusikalische Reform praktisch
aus? Dabei steht vor allem die Frage nach der Aufführungs- sowie
Bearbeitungspraxis der Werke klassischer Vokalpolyphonie mit Palestrina
als deren Haupt im Mittelpunkt. Ergebnisse aus den Bereichen Gregorianischer
Choral und Kirchenlied komplettieren und runden das Gesamtbild kirchenmusikalischer
Reform in Trier ab.
Wie
in anderen kirchenmusikalischen Zentren Deutschlands, etwa Regensburg (43),
Köln (44) und Aachen (45), erfuhr auch in Trier die Palestrina-Pflege
noch bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts hinein eine Unterbrechung,
im Gegensatz etwa zu der Entwicklung in München und Rom (46). Die
beiden ersten Dommusikdirektoren, Constantin Zimmermann (1742-1825) und
Johann Jakob Fischer (1760-1838), pflegten ausschließlich die orchesterbegleitende
Kirchenmusik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, darunter vor allem
auch die Kirchenmusik der kurtrierischen Kapellmeister Pietro Pompejo Sales
(1729-1797), Konrad Starck (um 1715-1787) und Johann Georg Lang (1724-1798)
(47). Das Repertoire bezeugt durchaus, daß unter Zimmermann und Fischer
keine seichten Werke aufgeführt wurden, sondern anspruchvolle Literatur
der Wiener Klassik, sogar Mozarts Requiem KV 626, und die sechs späten
Messen von Joseph Haydn, wenngleich die Qualität offenbar zu wünschen
übrig ließ (48).
Dieses
künstlerische Defizit im Trierer Dom selbst, der zunehmende cäcilianistische
Einfluß Süddeutschlands sowie die allgemeine Verschlechterung
des kirchenmusikalischen Zustands auch im Bistum Trier - von Ausnahmen
abgesehen (49) - führten auch in den vierziger Jahren in Trier zur
allmählichen Wiederbelebung der a-cappella-Kunst des 16. Jahrhunderts.
Den mißlichen kirchenmusikalischen Zustand beschreibt der Nachfolger
Johann Jakob Fischers, Dommusikdirektor Johann Baptist Schneider, in seinem
obigen Aufsatz Etwas über Musik wie folgt:
"Wie
Luxus, leichte Sitten, Romanenleserey und
Johann
Baptist Schneider wurde 18o6 in Trier geboren; empfing 1831 in Trier die
Priesterweihe. Nach Kaplansjahren in Ehrenbreitstein und Bad Kreuznach
war er Pfarrer in Stromberg, schliesslich ab dem 1. Mai 1838 Vikar am Dom
und seit dem 11. Mai 1838 Dommusikdirektor. Seitdem war er mit der Leitung
der Dommusikschule und der Dommusik betraut. Schneider blieb nur sechs
Jahre in diesem Amt und übernahm danach die Pfarrei in Perl und Merl,
wo er 1864 starb (51).
Daneben
sind erstmals folgende Werke von Palestrina im Repertoire Schneiders nachweisbar:
- Tu
es Petrus
Im
Bistumsarchiv Trier (=BAT) Abt. 1o4 ff befinden sich folgende handschriftlichen
Palestrina-Werke, die der Ära Schneider zuzu-ordnen sind.
- Missa
"Lauda Sion" (BAT 156-16):
- Haec
Dies (unter derselben Nummer):
- Missa
"Papae Marcelli" (BAT 156-o2):
- Tu
es Petrus (BAT 156-69):
- Veni
sponsa Christi (BAT 156-72):
Was
in dieser Handschrift auffällt, sind zusätzlich Akzidentieneintragungen
über einigen Noten mit roter Tinte. Eine Ausführung nach dieser
Akzidentiensetzung (= Vorzeichen) verfremdet den kirchentonalen Charakter
völlig. Diese freizügige Akzidentienbehandlung zeugt von einer
zwiespältigen Aufführungspraxis in Trier zur damaligen Zeit.
Alle
Abschriften haben moderne Schlüsselung und enthalten weder Dynamik-
noch Tempoangaben. Der Orgelsatz deckt sich weitgehend mit dem Chorsatz.
Unter Schneider wurden, wie die Orgelstimmen belegen, Palestrina-Werke
mit Orgel aufgeführt, nicht zuletzt um den 20 bis 30 Sänger zählenden
Domchor im Klangvolumen zu verstärken (55).
Fest
steht, daß mit Johann Baptist Schneider die kirchenmusikalische Reform
in Trier einsetzt. Er kritisiert an den Kirchenwerken der Wiener Klassik
vor allem die "Instrumentalbegleitung" (56). Andererseits folgt er auch
Thibaut, der nicht alle Werke Palestrinas für geeignet hält,
wenn er sagt: "Alles loben, weil es alt und von tüchtigen Meistern
ist, ist Schwäche und Einseitigkeit " (57).
In
dieses musikalisch weitherzige Gesamtbild Schneiders paßt auch, daß
er sich gegenüber deutschsprachigen Gesängen im Gottesdienst
durchaus offen zeigt. Er komponierte neben deutschen Liedern eine Deutsche
Singmesse (58). Des weiteren sind von ihm separate Vertonungen des Ehrenbreitsteiner
Gesangbuchs erschienen (59), dem am weitesten verbreiteten Gesang- und
Gebetbuch vor Erscheinen des Diözesan Gesang- und Gebetbuch (1846),
an dem Schneider - zusammen mit Stephan Lück und anderern - tatkräftig
mitarbeitete (60). Dieses Diözesan Gesang- und Gebetbuch hat für
den Rückgriff auf das ältere deutschsprachige Kirchenlied "für
die kirchenmusikalische Restauration im Trierischen ein Signal gesetzt"
(61).
Daß
die instrumental begleitete Kirchenmusik unter Schneider zumindest zurückgedrängt
wurde, belegt ein Rezensent der Trierischen Zeitung vom 11.1.1845, als
bereits Schneiders Nachfolger Johann Adam Dommermuth im Amt war:
"Mit
Genugtuung merkt man überhaupt, dass die seit
Wahrscheinlich
ist es derselbe Kritiker, der im Trier'schen Intelligenzblatt 1847 unter
der Überschrift Zwanglose Bemerkungen über Kirchenmusik und Gesang
folgendes schreibt:
"Wer
seit Jahren daran gewohnt ist, an festlichen
Johann
Adam Dommermuth wurde am 15. Oktober 1812 in Güls bei Koblenz geboren.
Er empfing am 25.3.1837 in Trier die Priesterweihe und war anschließend
Kaplan in Koblenz (Liebfrauen). Am 31.1o.1844 wurde er in der Nachfolge
Schneiders Dommusikdirektor. Er bekleidete dieses Amt bis zum 26.1.1848
und wirkte danach als Pfarrer in Leutesdorf am Rhein, wo er am 24.8.1869
starb (64). Dommermuth lieferte ebenfalls für die Herausgabe des ersten
Diözesangesangbuches wertvolle Beiträge. Seine Mitarbeit an der
Herausgabe dieses Gesangbuches ist unumstritten (65).
Offenbar
führte Dommermuth die kirchenmusikalische Reform auf dem Gebiet der
mehrstimmigen Musik, die Johann Baptist Schneider in Gang gesetzt hatte,
nicht zielstrebig fort, was in der allgemeinen Bevölkerung offensichtlich
nicht als Mangel betrachtet wurde. Allerdings wird im Jahresbericht 1845/46
die Palestrina-Messe "Aeterna Christi Munera" in der Bearbeitung von Caspar
Ett erwähnt, die an Christi-Himmelfahrt unter seiner Leitung aufgeführt
wurde (66).
Den
definitiven Durchbruch der kirchenmusikalischen Reform in Trier schaffte
Stephan Lück, der am 27.o1.1848 mit der Leitung der Dommusik und der
Dommusikschule beauftragt wurde.
Stephan
Lück wurde am 9.1.18o6 in Linz (Rhein) geboren. Am 2o.9.1828 empfing
er in Trier die Priesterweihe. Anschließend wirkte er als Kaplan
in Bad Kreuznach und Pfarrer von Waldalgesheim. 1835 wurde er Professor
für Moraltheologie am Priesterseminar in Trier und Dozent für
Kirchenmusik ebendort. Seit dem 27.1.1848 wurde Lück mit der Leitung
der Dommusikschule sowie der Dommusik betraut und zum Dommusikdirektor
ernannt. Dieses Amt übte er bis Ende Juni 1853 aus. 1849 wurde er
vom damaligen Bischof Wilhelm Arnoldi zum Domkapitular ernannt. Er starb
am 4.11.1883 in Trier (67).
Stephan
Lück zeichnete ab dem 2o.3.1844 auch verantwortlich für den musikalischen
Teil des Diözesan Gesang- und Gebetbuchs (1846), in dem gemäß
dem cäcilianischen Anliegen älteres deutsches Kirchenliedgut
wieder Aufnahme fand (68).
In
Choralfragen war Lück ein strenger Verfechter liturgisch-musikalischer
Gleichschaltung mit der Römischen Kirche. Dies geht aus einem an Bischof
Arnoldi gerichteten Memorandum Lücks aus dem Jahre 1863 hervor - er
war damals Domkapitular - was sicherlich als Reaktion auf das neu, sozusagen
über Nacht eingeführte Graduale iuxta usum Ecclesiae Cathedralis
Trevirensis dispositum (erschienen Frühjahr 1863) des damaligen Domorganisten
Michael Hermesdorff zu verstehen ist (69).
Lücks
grösste Arbeitsleistung allerdings liegt im Sichten altklassischer
Vokalmusik, begonnen bereits Anfang der vierziger Jahre in verschiedenen
Archiven des In- und Auslandes. Diese Fleißarbeit fand in seiner
Sammlung ausgezeichneter Compositionen für die Kirche (1859) ihren
krönenden Abschluß (70).
Diese
Sammlung besteht aus zwei Bänden. Band 1 enthält 16 Messen des
16., 17. und 18. Jahrhunderts, von Palestrina lediglich die Missa Papae
Marcelli. Band 2 enthält 8o Motetten des gleichen Zeitraumes, wobei
Palestrina achtmal vertreten ist:
- Haec
Dies
Die
Lücksche Sammlung ist vorrangig praxisorientiert im Gegensatz zur
historisierend-wissenschaftlich ausgerichteten Sammlung des Regensburger
Cäcilianers Carl Proske (71). Diese Praxisorientierung Lücks
belegen temporale sowie dynamische Angaben, Akzentzeichen, moderne Schlüsselung
und Notation, sowie die Übersetzung ins Deutsche. Akzidentien stehen
direkt vor der jeweiligen Note. Stephan Lück läßt durchaus
Orgelbegleitung bei homophonen Stücken und bei Solopartien zu. So
heißt es im Vorwort:
"Die
meisten der hier mitgeteilten Compositionen
Lück
ist also, wie Schneider, kein puristischer a-cappella-Anhänger, wenngleich
auf sein Drängen hin die orchesterbegleitete Kirchenmusik im Dom und
in der gesamten Diözese Trier laut Beschluß des Domkapitels
vom 19.3.1851 verboten wurde (72). Des weiteren deuten die Akzentzeichen,
sowie die - wenn auch wenigen - Tempo- bzw. dynamischen Angaben in seiner
Sammlung auf eine einschränkend-lebendige Palestrinainterpretation
bzw. -wiedergabe.
Dies
soll noch anhand seiner Lehrschrift Theoretisch = praktische Anleitung
zur Herstellung eines würdigen Kirchengesangs, Trier 1856, weiter
untermauert werden. Unter "würdigem Kirchengesang" versteht Lück
natürlicherweise die klassische Vokalpolyphonie mit Palestrina als
Haupt der römischen Schule, wie sie sich in seiner Sammlung wiederspiegelt.
Für Lück ist der "Ausdruck" bei der Wiedergabe beziehungsweise
Interpretation gerade dieser Werke, in denen "Erhabenes, Göttliches,"
aufleuchtet, grundlegend wichtig (73). So ist bei ihm unter dem Kapitel
"Wachsen und Abnehmen des Tones" folgendes zu lesen:
"Das
Wirken der Natur ist ein ruhiges, stetiges.
Aus
diesen Worten geht deutlich hervor, daß Lück eine in sich ausgewogene,
ausgeglichene Interpretation dieser Werke begünstigt, gemäß
der Musik Palestrinas selbst, die nach Thibaut - wie zu Beginn angeführt
- "mäßig, ernst ... leidenschaftslos ist", eine Musik, die -
so später Professor Birkler in der Trierer "Cäcilia" - "wuchernde
Einzeltriebe" meidet (75).
Hinsichtlich
der Artikulation beziehungsweise dem "Aneinanderreihen der Töne" lehnt
Lück ein strenges monotones Legato ab; stattdessen favorisiert er
ein leichtes Portato: "Gar schön und für den Kirchengesang geeignet,
ist die Verbindung des Abstossens (= staccato) und Schleifens (= legato);
die Töne liegen dann so enge aneinander und sind doch auch wieder
so scharf voneinander geschieden, ähnlich den Perlen an einer Schnur."
Praktisch geschieht dies, "indem wir die Tonreihe in einer Athemströmung
vortragen, jedoch jedem Tone einen schwachen, kaum bemerkbaren Stoß
geben" (76).
Gerade
im Postulat einer ansprechenden Vortragsweise der Werke Palestrinas beziehungsweise
der klassischen Vokalpolyphonie überhaupt belegt, daß Lück
- wenngleich er einer expandiert-emphatischen Palestrina-Wiedergabe kritisch
gegenüberstand - eine uniformierte, undifferenziert-einseitige Legatowiedergabe
ablehnte. Aus dieser - so könnte man sagen - "Interpretation der Mitte"
scheint sein späterer Nachfolger Hermesdorff auszubrechen (77).
Michael
Hermesdorff wurde am 4.3.1833 in Trier geboren. Von seinem Bruder Matthias,
der Organist an St. Gangolf in Trier war, wurde er in Theorie, Klavier
und Orgel unterwiesen. Von 1852 bis 1855 war er als Organist und Gesanglehrer
an den Primar- und Höheren Schulen in Ettelbrück (Luxemburg)
tätig. Nach dem Theologiestudium in Trier wurde er am 27.8.1859 zum
Priester geweiht und wirkte anschließend als Kaplan in Kues und Bernkastel.
1862 wurde er als Nachfolger von Jakob Polch (78) zum Organisten an die
Trierer Domkirche berufen. Ab dem 17.8.1874 leitete Hermesdorff mit der
Ernennung zum Dommusikdirektor die Trierer Dommusik offiziell. 1868 gründete
er als entschiedener Reformer den Diözesan-Cäcilienverein und
1872 den "Verein zu Erforschung alter Choralhandschriften", gleichzeitig
richtete er 1872 einen "Catalog der Bibliothek des Zweig-Vereins des Allgemeinen
Deutschen Cäcilien-Vereins für die Diözese Trier" ein, wodurch
Kirchenmusikern geschichtliche und theoretische sowie praktische Musik
der altklassischen Polyphonie und Werke der Cäcilianer zungänglich
gemacht werden sollten. Darunter befinden sich zahlreiche Messen und Motetten
von Palestrina, auch eine Litanei, die nicht in seiner erweiterten "Sammlung
Lück" angeführt werden. Von 1872 bis 1878 war er Schriftleiter
der Cäcilia, die 1862 von Heinrich Oberhoffer (79) gegründet
worden war. Von 1875 bis 1885 war er ordentliches Mitglied der Gesellschaft
für Musikforschung. Hermesdorff starb am 18.1.1885 in Trier (80).
Hermesdorff
war des weiteren mitverantwortlich bei der Erstellung des neuen Gesang-
und Gebetbuchs (1871) und besorgte die vierstimmige Ausgabe (1872) für
vier Singstimmen und Orgel (81). Wie im Gesang- und Gebetbuch von 1846
nimmt der Anteil älteren Liedguts zu (82). Insbesondere fand unter
dem Einfluß Hermesdorffs der "Trierische Choral" Einlaß. Darin
sind das Asperges, Vidi aquam, fünf Choralmessen, das Te Deum und
acht lateinische Segensgesänge in der Trierischen Choraltradition
enthalten (83). Bemerkenswert ist, daß die deutschen Messen und Vespern
aufgegeben wurden, an denen auffälligerweise nur Franz Xaver Witt
keinen Anstoß nahm (84).
Hermesdorffs
größte Arbeitsleistung liegt zweifelsohne in der Choralforschung;
durch strenge Untersuchungen mittelalterlicher Handschriften stellte er
den echten Trierischen Choral wieder her; sein Graduale (1863), sein Antiphonale
(1864) fanden im Dom zu Trier Einlaß, wurden aber 1888 unter Philipp
Jakob Lenz (s.u), der stark unter Regensburger Einfluß stand, zugunsten
der Medicaea wieder abgeschafft (85).
Andererseits
bekundet Hermesdorff dadurch Offenheit, ja Freizügigkeit, daß
er den ganzen Gregorianischen Choral 4-stimmig für Orgel bzw. gemischten
Chor ausgesetzt hat. Als Resultat erschien daraufhin seine Harmonia Cantus
Choralis (1865-68) in 6 Abteilungen nebst einem Supplementheft; des weiteren
hat er das Choralrequiem für 4-stimmigen Männerchor bearbeitet
(1871) (86).
Reformerische
Strenge bezeugen dagegen seine eigenen Kompositionen in ihrer neopalestrinensischen
Grundhaltung, wenngleich er im Vorwort zu seiner Missa in B (op. 1) aus
dem Jahre 1863 von "neuen Bahnen" spricht, die in der gegenwärtigen
Kompositionspraxis zu betreten seien. Dieser Reformgedanke in "neuen Bahnen"
spiegelt sich insbesondere in seiner zweiten verbesserten und vermehrten
Auflage der Sammlung ausgezeichneter Compositionen für die Kirche
von Stephan Lück wieder (Bd. 1, 1884, enthält 9 Messen, Bd. 2,
1884, enthält ebenfalls 9 Messen, Bd. 3, 1885 enthält 44 Motetten).
Es handelt sich um Werke des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Palestrina
ist mit folgenden drei Messen vertreten:
- Missa
"Aeterna Christi munera"
des
weiteren mit folgenden fünf Motetten:
- Dies
sanctificatus
Nach
dem Tode von Hermesdorff 1885 erschien noch ein 4. Band der Sammlung, ein
Motettenband, herausgegeben von Heinrich Oberhoffer in der gleichen editorischen
Form. Dieser enthält folgende Motetten Palestrinas:
- Alma
redemptoris Mater
In
diesem Zusammenhang sei nochmals an den "Catalog der Bibliothek des Zweig-Vereins
des Allgemeinen Deutschen Cäcilien-Vereins für die Diözese
Trier" erinnert, durch den auf Betreiben Hermesdorffs weitere zahlreiche
Messen und Motetten Palestrinas der kirchenmusikalischen Praxis zugänglich
gemacht wurden.
Diese
verbesserte und vermehrte Sammlung von Hermesdorff liefert gleichsam ein
Bild von dessen Interpretationsverständnis bzw. Aufführungspraxis
der Werke Palestrinas. Die Palette der Ausdrucksvorschriften wird im Vergleich
zur "Lück-Sammlung" in Tempo und Vortragsangaben (Dynamik, Crescendo,
Decrescendo, Akzentzeichen) erheblich erweitert. Hinzu kommen Deklamationszäsuren
und genaue Metronomangaben. Ein Orgelauszug fehlt, da er "für die
Sänger störend sein könnte". Trotz subjektiver Zugeständnisse
in Bezug auf die Aufführungspraxis - akustische Verhältnisse,
Chorstärke usw. - meint Hermesdorff, daß "bei genauer Befolgung
der hier gegebenen Anleitung die Darstellung dieser Tonwerke den Intentionen
des Komponisten entsprechen wird" (87).
Vergleichen
wir das Christe eleison der Missa Papae Marcelli der Hermesdorffschen Ausgabe
mit dem Christe eleison der Lückschen Ausgabe (Notenbeispiele 1 und
2).
Während
Lück lediglich beim "Christe" allgemein Piano vorschlägt und
dem Interpreten innerhalb des Satzes interpretatorische Freiheit läßt,
schreibt Hermesdorff im Sinne einer dynamischen Steigerung Piano (Takt
25), Mezzoforte (T. 32, 33), Forte (im Höhepunkt T. 35) vor, um dann
wieder im Decrescendo Piano zu erreichen mit Mezzoforte-Hebung am Ende.
Hinzu treten Unterschiede in der Textdeklamation, deren Behandlung
in der Praxis des 16. Jahrhunderts bei Stücken mit Textwiederholungen
(wie z.B. beim Kyrie) den Sängern freigestellt war (88). Die Deklamationszäsuren
bei Hermesdorff verleiten zu zerstükelt-kleingliedriger Gestaltung,
dies im Gegensatz zur freiströmenden Lück'schen Liniengestaltung
(89). Vor allem in den Gloria und Credo neigt Hermesdorff zu übertriebenen
Schattierungen bzw. Kontrasten in Dynamik und Tempo auf engstem Raum. Hermesdorffs
Palestrina-Edition und Interpretation ist im Vergleich zu der Interpretation
Lücks noch mehr auf Facettenreichtum bzw. Differenzierung in Tempo
und Dynamik ausgerichtet. In diese freizügig-stark subjektivistische
Palestrina-Interpretation bei Hermesdorff paßt auch die Tatsache,
daß er als einziger in Trier Werke Palestrinas und anderer Komponisten
aus der Römischen Schule des 16. Jahrhunderts bearbeitet hat.
So
erschien 1870 in Trier in der Lintz'schen Buchhandlung eine Motettenreihe
mit dem Titel:
"Zwölf
Motetten älterer Meister als Offertorien
Ein
unbekannter Autor empfiehlt mit dem Beitrag Studien und Lesefrüchte
über den sogenannten Palestrinastil diese Bearbeitungen den Kirchenchören
als "Vorschule zum Studium und zur Aufführung der älteren Werke"
(91).
Hermesdorff
will in der Tat für einfache Chorverhältnisse probate Gebrauchsmusik
schaffen mit dem didaktischen Ziel, so an den Palestrina-Stil heranzuführen.
Seine Bearbeitung ist im Ergebnis eine Vereinfachung, keine Simplifizierung.
Sie bewahrt die melodisch-klangliche Substanz mit Ausrichtung auf Homophonisierung
des Tonsatzes, was dann auch eine quantitative Reduktion von 89 Takten
des Originals auf 58 Takte der Bearbeitung zur Folge hat (s. NB 3 und 4).
Hermesdorff
erfüllt also mit seiner Palestrina-Bearbeitung (in den anderen elf
Motetten verfährt er analog) das cäcilianische Kirchenmusikideal
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das F.X. Witt in folgenden
Worten zusammengefaßt hat: "Der Ausdruck ist das Entscheidende, nicht
die Form" (93).
Die
kirchenmusikalische Reform hielt in Trier auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts
unter den Dommusikdirektoren Johann Baptist Barthel (94), der lediglich
ein Jahr (1885/86) im Amt war, und Philipp Jakob Lenz, der bis zu seinem
Tod (1899) Domkapellmeister war, an. Lenz bildet im 19. Jahrhundert, zusammen
mit Stephan Lück und Michael Hermesdorff, sozusagen das kirchenmusikalisch-reformerische
"Dreigestirn" in Trier.
Philipp
Jakob Lenz wurde am 1.1o.1848 in Manderscheid (Eifel) geboren. Nach seiner
Priesterweihe 1871 studierte er in Regensburg Kirchenmusik bei Franz Xaver
Witt (1834-1888), Franz Xaver Haberl (1840-1910), Michael Haller (1840-1915)
und Ignaz Mitterer (1850-1924). Von daher ist es zunächst verständlich,
daß er im Choral die römische Ausgabe Medicaea, die Hermesdorff
abschaffte, favorisierte und diese am 1.1.1888, offiziell ab dem 25.3.1889,
wieder im Dom einführte. Gleichzeitig schaffte Lenz die 4-stimmige
Praxis des Choralgesangs in der Hermesdorffschen Fassung ab (95).
Dies
ist im Zusammenhang mit der unaufhaltsamen Romanisierung der Trierer Liturgie
zu sehen, die unter dem vom französischen Restaurationsdenken geprägten
Felix Michael Korum, der 1881-1929 Bischof in Trier war, betrieben wurde
(96). Für Lenz, der, wie gesagt, unter Regensburger Einfluß
stand, war das Prinzip der "Unitas" (der Einheit der Kirche) bei der Befürwortung
der Editio Medicaea vordergründig (97). Lenz verfolgte das Ziel die
Allein-Existenzberechtigung der Medicaea aufzuweisen, die jeder papsttreue,
romtreue Katholik aus Gehorsamsgründen anzunehmen habe. An diesem
Beispiel wird deutlich, daß der Begriff "Palestrina-Stil" bzw. "Palestrina-Renaissance",
der bzw. die auch eine Wiederbelebung des Gregorianischen Chorals impliziert,
sich als eine Hülse, "als eine Chiffre für die unbedingte Unterwerfung
unter die römischen Directiven" entpuppt (98).
Lenz
pflegte an hohen Festtagen die altklassische Polyphonie, vor allem Palestrina
und dessen Schule, wobei ihm natürlich auch die "Lück-Sammlung"
zur Verfügung stand (99). Anläßlich eines feierlichen Pontifikalamts
zum 34. Katholikentag in Trier am 29.o8.1887 erklang neben einstimmigem
Choral die fünfstimmige Palestrinamesse Dilexi quoniam, die weder
in der "Lück-Sammlung" noch im "Catalog des Zweigvereins" angeführt
ist, sondern in der Gesamtausgabe des Regensburger Choralforschers und
Cäcilianers Franz Xaver Haberl (184o-191o) (100)). Der Kritiker der
Trierischen Landeszeitung bemerkt über diese Aufführung:
"In
Anbetracht der großen Schwierigkeit der Messe,
Daneben
trat Lenz noch stärker als seine Vorgänger für die Werke
der Cäcilianer ein, vor allem für den Regensburger Palestrina-Epigonen
und Komponisten Michael Haller (184o-1915), dessen Offertorium Confirma
hoc auch in diesem Pontifikalamt erklang (102). Lenz widmete sich vorwiegend
der Verbesserung und Vervollkommnung des Domchores. Damit zusammenhängend
gab er eine neue Methode des Gesang- und Instrumentalunterrichts an der
Dom-Musikschule heraus (103). Das Schwergewicht der Ausbildung lag eindeutig
auf dem Gesang. Die Instrumentalabteilung wurde - da sie überflüssig
geworden war - schließlich 1897 abgeschafft. Für seinen entwikelten
"Lehrplan" fand auch die "Lück-Sammlung" Verwendung; des weiteren
heißt es im Bezug auf die klassische Vokalpolyphonie, daß sie
"nicht auf Tonmalerei zu den einzelnen Worten, auf Erzielung effektvollster
Nuancierung" abzielt (104). Lenz war, wie Lück, offensichtlich auf
eine in Tempo und Dynamik maßvoll ausgeglichene Interpretation der
Werke Palestrinas bedacht. Er favorisierte eine "Interpretation der Mitte",
die Hermesdorff offenbar verlassen hatte.
Die
Aufführungspraxis altklassischer Vokalmusik des 16. Jahrhunderts mit
Palestrina als dem zentralen Komponisten war offenbar in Trier im 19. Jahrhundert
nicht kontinuierlich. Zur Zeit Johann Baptist Schneiders wurden diese Werke
mit Orgelbegleitung, wie die Orgelauszüge belegen, musiziert. Sein
Nachfolger Stephan Lück gestattete zumindest partiell Orgelbegleitung.
Hermesdorff hat offenbar die unbegleitete Aufführung favorisiert,
wenn er im Vorwort zu seiner "verbesserten und vermehrten Sammlung-Lück"
das Fehlen eines Orgelauszugs damit begründet, daß dieser "für
die Sänger störend sein könnte", oder wenn sein Nachfolger
Johann Baptist Barthel die Ausübung der Doppelfunktion Organist und
Dommusikdirektor unter einer Hand bei seiner Bewerbung durchaus für
möglich hält, "da die polyphonen Messen, welche bei festlichen
Gelegenheiten zum Vortrage gelangen, immer ohne Orgelbegleitung gesungen
werden" (105). Sicherlich wurden auch unter Philipp Jakob Lenz Werke der
klassischen Vokalpolyphonie a cappella aufgeführt.
Begünstigten
Lück in der Mitte des Jahrhunderts und Lenz am Ende des Jahrhunderts
eine "Interpretation der Mitte", eine ausbalancierte, in sich ausgewogene
Aufführung der Werke Palestrinas und anderer Meister dieser Zeit,
eine Interpretation ohne jedweden romantisch-emphatischen Überschwang,
so bejahte Hermesdorff - wie seine Edition zeigt - eine durchaus romantisch-beseelte,
facettenreiche Interpretation.
Hierin
berührt sich Hermesdorff in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
mit dem cäcilianisch-aufführungspraktischen Kirchenmusikideal,
wie sie etwa Franz Xaver Witt in den Fliegenden Blättern für
katholische Kirchenmusik von 1873 überliefert. Witt macht auf eine
Lektion aufmerksam, die er einem Chor und seinem Dirigenten in Schramberg
nach der aufgeführten Missa Brevis von Palestrina erteilte:
"Nachdem
die Messe fertig gesungen war, ging ich
Auch
fügt sich die Tatsache in das cäcilianische Kirchenmusikideal
dieser Zeit ein, daß Hermesdorff als einziger in Trier ältere
Werke des 16. Jahrhunderts bearbeitet hat, um so leichter an den Palestrina-Stil
heranzuführen; des weiteren aber auch, weil der homophone, einfachere
Satz aufgrund seiner Klarheit und Verständlichkeit dem polyphonen,
wenn auch kunstvolleren Tonsatz vorzuziehen ist. Deshalb versagt Witt etwa
zweihundert Werken von Palestrina wegen des Zuviel an "kontrapunktischer
Mache" die Aufnahme in den ab 1873 erschienenen Cäcilien-Vereinskatalog
(107).
Somit
steht Hermesdorff durchaus im Strom seiner Zeit. Isoliert dagegen steht
der akribische Choralforscher Hermesdorff - seine reformerische Strenge
bekunden übrigens auch seine eigenen Kompositionen, im Gegensatz etwa
zu den spärlich wenigen Werken von Lück und Lenz, die zum Teil
"modern" anmuten - in der vierstimmigen Ausharmonisierung und auch Ausführung
des gesamten Gregorianischen Chorals mit Orgelbegleitung, was auch Stein
des Anstoßes wurde. Der ultramontan-römisch gesinnte Philipp
Jakob Lenz, aus der Regensburger Schule kommend, machte dieser Praxis ein
Ende.
Unter
dem Nachfolger Wilhelm Stockhausen - er war von 1900 bis 1934 Domkapellmeister
in Trier - wurde das Repertoire erheblich erweitert. Stockhausen stellte
neue Weichen für die zukünftige Trierer Dommusik, ja, er öffnete
Schranken trotz tiefer Verwurzelung im Schaffen Palestrinas (108), wenn
er Weihnachten 1911 die mit Chromatik und Wagnerscher Leitmotivik
durchsetzte Sigismund-Messe des Neuromantikers Peter Griesbacher (1864-1933)
aufführte. Klerus und Laien waren von der Aufführung begeistert
(109).
Anmerkungen
1)
Allgemeine Musikalische Zeitung 36 (1834), S. 744, zitiert nach: Winfried
Kirsch: Aspekte der Palestrina-Rezeption. In: Palestrina und die Kirchenmusik
im 19. Jahrhundert, hrsg. von Winfried Kirsch, Bd. 1: Palestrina und die
Idee der Klassischen Vokalpolyphonie im 19. Jahrhundert. Regensburg 1989,
S. 17.
2)
Ebd.
3)
Der Cäcilianismus. Anfänge - Grundlagen - Wirkungen, hrsg. von
Hubert Unverricht. Tutzing 1988. Karl Gustav Fellerer: Art. Cäcilianimus.
In: Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG) 2, Sp. 621-626.
4)
Palestrina und die Kirchenmusik (wie Anm. 1).
5)
Martin Geck: E.T.A. Hoffmanns Anschauungen über die Kirchenmusik.
In: Beiträge zur Musikanschauung im 19. Jahrhundert, hrsg. von Walter
Salmen. Regensburg 1965, S. 61-71, hier S. 64.
6)
A.F.J. Thibauts Essay "Über Reinheit der Tonkunst" (Heidelberg 1824,
erreichte bis 1893 sieben Auflagen) nimmt eine Schlüsselstellung für
die Auseinandersetzung mit kirchenmusikalischen Fragen ein. Thibaut war
von Haus aus Jurist und lehrte als Rechtsprofessor in Jena und Heidelberg.
Mit dem von ihm gegründeten "Heidelberger Singverein" pflegte er vor
allem ältere Chormusik des 16. bis 18. Jahrhunderts, sowie das Volkslied.
Nach ihm "veredelt" vor allem die reine Vokalmusik den Menschen, Gedankengut,
das später vor allem der Trierer Dommusikdirektor Johann Baptist Schneider
aufgreift (s.S. 3 ff). - Willi Kahl: Art. Thibaut. In: MGG, Sp. 333 f.
- Detlev Altenburg: Thibauts Idee der "Reinheit der Tonkunst". In: Studien
zur Kirchenmusik im 19. Jahrhundert - Friedrich Wilhelm Riedel zum 6o.
Geburtstag - hrsg. von Christoph Hellmut Mahling. Tutzing 1994, S. 35-47.
-
7)
Karlheinz Schlager: Wege zur Restauration. Marginalien zur Kirchenmusik
zwischen Augustinus und Thibaut In: Traditionen und Reformen in der Kirchenmusik,
Kassel 1974, S. 22.
8)
Thibaut: Über die Reinheit (wie Anm. 6.), S. 21, zitiert nach Kirsch
(wie Anm.1), S. 25
9)
Joseph Proksch: Aphorismen über katholische Kirchenmusik. Prag 1858,
S. 19.
10)
Karl Gustav Fellerer: Kirchenmusik im 19. Jahrhundert. In: Studien zur
Musik des 19. Jahrhunderts, Bd. 2, Regensburg 1985, S. 154.
11)
Josef Görres: Politische Schriften. Bd. 1, S. 163; zitiert nach: Johann
Baptist Katschthaler: Kurze Geschichte der Kirchenmusik. Regensburg 1893,
S. 2o8 f.
12)
zitiert nach: Johannes Schwermer: Aspekte zur Cäcilianischen Ästhetik.
In: MSM (wie Anm. 6), S. 224.
13)
Witt in einer Rede auf der Generalversammlung des Cäcilienvereins
im Jahre 1874. In: Musica Sacra 7 (1874), S. 75 f,
14)
Josef Schuh: Johann Michael Sailer und die Erneuerung der Kirchenmusik
- Zur Vorgeschichte der Cäcilianischen Reformbewegung in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts. Köln 1972. - Philipp Harnoncourt:
Der Liturgiebegriff bei den Früh-Cäcilianern und seine Anwendung
auf die Kirchenmusik. In: Der Cäcilianismus (wie Anm. 3), S. 75-1o8,
besonders S. 79-84. - Johann Michael Sailer wurde 1751 in Aresing (Bayern)
geboren. Er studierte Theologie bei den Jesuiten in Ingolstadt und empfing
1775 die Priesterweihe. 178o-1784 lehrte er als Professor für Dogmatik
in Ingolstadt, danach Pastoraltheologie und Ethik in Dillingen (Donau).
Von 18oo an lehrte er Pastoral- und Moraltheologie in Landshut, bis er
1821 ins Regensburger Domkapitel berufen wurde, dort 1822 zum Weihbischof,
1825 zum Generalvikar und schließlich 1829 zum Diözesanbischof
ernannt wurde. Er starb 1832 in Regensburg. - Harnoncourt (wie Anm. 14),
S. 79.
15)
vgl. Gesamtausgabe: Johann Michael Sailers sämtliche Werke (= SW)
unter Anleitung des Verfassers hrsg. von Josef Widmer, Bd. 19, Sulzbach
183o-1841, S. 164.
16)
SW 19, S. 166 f.
17)
SW 19, S. 165 f.
18)
SW 19, S. 17o.
19)
SW 19, S. 173.
2o)
ebd.
21)
zitiert nach Schuh (wie Anm. 14), S. 47.
22)
ebd. S. 44.
23)
Johann Baptist Schneider: Etwas über Musik, insbesondere Gesang. Trier
184o (Stadtbibliothek Trier 11/1oo2 8?).
24)
ebd. S. 5, 8.
25)
ebd. S. 2, 5.
26)
ebd. S. 3.
27)
ebd. S. 5 f.
28)
ebd. S. 6.
29)
SW S. 174.
30)
Schneider (wie Anm. 23), S. 7.
31)
ebd. S. 8.
32)
ebd. S. 9.
33)
Cäcilia 12, 1873, S. 84-87.
34)
ebd. S. 85 f.
35)
August Scharnagl: Regensburg als zentrale Pflegestätte des Cäcilianismus.
In: Der Cäcilianismus (wie Anm. 3), S. 279-293. -Harnoncourt: (wie
Anm. 14), S. 84 ff.
36)
Cäcilia 12, 1873, S. 85 f.
37)
Harnoncourt: (wie Anm. 14), S. 81.
38)
Cäcilia 12, 1873, S. 86.
39)
ebd.
40)
ebd.
41)
ebd. S. 87. Hierin berührt sich Hermesdorff mit Thibaut, der als Musterkomponisten
Josquin, Senffel ... bis Händel und Bach aufführt. Schwermer:
(wie Anm. 12), S. 23o.
42)
Gustav Bereths: Beiträge zur Geschichte der Trierer Dommusik. Mainz
1974, S. 32.
43)
Scharnagl Regensburg (wie Anm. 35), S. 279 ff. - ders.: Die Regensburger
Tradition - Ein Beitrag zur Geschichte der katholischen Kirchenmusik im
19. Jahrhundert. In: MSM S.9-39.
44)
Johannes Overath: Albert Gereon Stein (18o9-1881), Ein Wegbereiter der
liturgisch-kirchenmusikalischen Erneuerung in Köln. In: MSM, S. 111-123.
- Clemens Brinkmann: Albert Gereon Stein (18o9-1881), Kirchenmusik und
Musikerziehung. Köln 1974.
45)
Udo Wagner: Franz Nekes und der Cäcilianismus im Rheinland. Köln
1969.
46)
Siegfried Gmeinwieser: Zum Palestrina-Stil in München. In: Palestrina
(wie Anm. 1), S. 215.
47)
Bereths: Beiträge wie Anm. 42), S. 129 f, S. 135-137. - Ders. Die
Musikpflege am kurtrierischen Hofe zu Koblenz-Ehrenbreitstein. Mainz 1964,
S. 179-191.
48)
Bereths, Beiträge, S. 131.
49)
So resumiert Andreas Heinz in seiner Studie: Die sonn- und
50)
Schneider (wie Anm. 23, S. 3 f.
51)
Bereths: Beiträge (wie Anm. 42) S. 139.
52)
ebd. S. 14o f.
53)
Bei Schröder handelt es sich um den Oboisten Carl Friedrich Alexander
Schröder aus Schneidnitz. Er gehörte der Trierer Militärkapelle
und dem Orchester des Theaters an. Er starb 1847 im Alter von 32 Jahren.
Schröder hat offenbar Kopien bzw. Abschriften angefertigt, auch des
Orgelsatzes, der wiederum aus der Feder des damaligen Domorganisten Johann
Georg Gerhard Schmitt (1821-19oo) stammte (vgl. Bereths: Beiträge
(wie Anm. 42), S. 142, Anm. 93).
54)
Diese Motette erwähnt Bereths nicht; sie gehörte aber auch zum
Repertoire Schneiders.
55)
Bereths: Beiträge (wie Anm. 42), S. 146. Angemerkt sei an dieser Stelle,
daß es in Trier neben der großen Domorgel (erste Nachrichten
um 1381) eine kleine Domorgel bzw. Chororgel im Ostchor seit dem 15. Jahrhundert
bis 19oo gab (vgl. ebd., S. 71 ff).
56)
Schneider (wie Anm. 23), S. 4.
57)
ebd. S. 5.
58)
Bereths , Beiträge (wie Anm. 42), S. 147.
59)
Martin Persch: Das Trierer Diözesangesangbuch von 1846 bis 1975 -
Ein Beitrag zur Geschichte der Trierer Bistumsliturgie (Trierer Theologische
Studien 44), Trier 1987, S. 66, Anm. 411.
60)
ebd. S. 142.
61)
ebd. S. 153.
62)
Trierer Zeitung Nr. 13 vom 12.1.1845, zitiert nach: Josef Rau: Das kirchenmusikalische
Leben am Dome zu Trier im 19. Jahrhundert, Trier 1938, S. 31 (Ms. im Bischöflichen
Priesterseminar Trier Z 843: 1938). Vgl.: Weltklerus der Diözese Trier
seit 18oo, Trier 1841.
63)
TIB 1847, Nr. 174-176, zitiert nach Bereths, Beiträge (wie Anm. 42),
S. 151 f.
64)
Bereths, Beiträge (wie Anm. 42), S. 148 f.
65)
ebd. S. 149. - vgl. Persch (wie Anm. 59), S. 136 f.
66)
Bistumsarchiv Trier (BAT), Abt. 1o4, Nr. 156-17. - Bemerkenswerterweise
war gerade diese Palestrina-Messe in der Ett-Bearbeitung auch in Österreich
weit verbreitet (vgl. Friedrich Wilhelm Riedel: Hat Palestrina in der kirchenmusikalischen
Praxis des 19. Jahrhunderts eine Rolle gespielt? In: Palestrina (wie Anm.
1), S. 196). Des weiteren war diese Messe auch in der Schweiz weit verbreitet
(vgl. Manfred Schuler: Zur Palestrina-Pflege im Kloster Einsiedeln. In:
Palestrina (wie Anm. 1), S. 23o).
67)
Bereths (wie Anm. 42), S. 153 f.
68)
Persch: (wie Anm. 59), S. 141 f, 153, 19o.
69)
Andreas Heinz: Im Banne der römischen Einheitsliturgie. Die Romanisierung
der Trierer Bistumsliturgie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
In: Römische Quartalschrift, 79, Freiburg 1984, S. 42. - Bereths:
Beiträge (wie Anm. 42), S. 3o f.
70)
Josef Komp: Stephan Lück und seine kirchenmusikalische Sammlung, Trier
194o (Ms. im Bischöflichen Priesterseminar Trier Z 843: 1939). Ergänzend
sei angemerkt, daß sich im BAT die vierstimmige Motette "Beati omnes,
qui timent Dominum" (BAT 1o4-131oo) von
71)
Der Schlesier Dr. med. Carl Proske (1794-1861) wirkte zunächst als
praktizierender Arzt. Er studierte dann Theologie in Regensburg und empfing
am 11.4.1826 die Priesterweihe; 1827 wurde er Chorvikar an der "Alten Kapelle"
in Regensburg, 183o dort Kanonikus. Proske setzte die Ideen seines Lehrers
und Vorbildes J.M. Sailer in die Tat um. Er unternahm zwischen 1834 und
1838 mehrere Forschungsreisen nach Italien, um die klassischen Vokalwerke
vor allem des 16. Jahrhunderts zu sichten bzw. zu sammeln und der kirchenmusikalischen
Praxis, aber auch der Musikwissenschaft, zugänglich zu machen. Proskes
Sammlerfleiß krönten die
72)
Rau (wie Anm. 62), S. 35. - Bernhard Johann Endres: Ergebnisse aus der
Geschichte des Bantusseminars zu Trier. Leipzig 1896, S. 1o8; im übrigen
hatte dieser Beschluß noch bis in die vierziger Jahre unseres Jahrhunderts
Gültigkeit. Erstmals wurde unter Domkapellmeister Dr. Johannes Klassen
am 19.8.1945 die Mariazeller-Messe von Joseph Haydn aufgeführt (vgl.
Bereths, Beiträge (wie Anm. 42), S. 183).
73)
Stephan Lück: Theoretisch-Praktische Anleitung zur Herstellung eines
würdigen Kirchengesangs, Trier 1856, S. 6.
74)
ebd. S. 71.
75)
Kirsch (wie Anm. 1), S. 26.
76)
Lück, S. 67.
77)
Unmittelbarer Nachfolger Lücks im Amt des Dommusikdirektors wurde
Nikolaus Dunst. Er wurde am 26.12.1815 in Klausenburg (Siebenbürgen)
geboren. Sein Vater Stephan Dunst war Klavierlehrer an der Trierer Dommusikschule.
Nach dessen Tod wurde sein Sohn Nikolaus dessen Nachfolger. Ab dem 1.7.1854
wurde Dunst offiziell Dommusikdirektor - ein Amt, das dann 1862 Domorganist
Michael Hermesdorff faktisch mit übernahm, offiziell ab dem
78)
Jakob Polch wurde am 7.2.18o7 in Trier geboren. Er wurde musikalisch von
seinem Vater Peter Polch, der Organist an St. Antonius war, und in der
Dommusikschule ausgebildet. Polch wurde am 17.7.1842 zum Domorganisten
ernannt. Er leitete nach dem Tode von Stephan Dunst auch den Trierischen
Gesangverein. Polch unterrichtete seit 1849 zudem Gesang an der Dommusikschule.
Der damalige Dommusikdirektor Stephan Lück demissionierte von seinem
Amt 1853 wegen des seiner Meinung nach ungenügenden Orgelspiels
79)
Oberhoffer (1824-1885) war zunächst im Schuldienst, dann Organist
in St. Gervasius in Trier, schließlich ab 1857 Musiklehrer und Professor
am Lehrerseminar in Luxemburg und Organist an der dortigen Kathedrale.
Oberhoffer war ein gefeierter Organist, Komponist und Pädagoge. Sein
Kompositionsschaffen atmet den Geist der kirchenmusikalischen Reform (vgl.
Hans Lonnendonker: Heinrich Oberhoffer. In: Rheinische Musiker, Bd. 4,
Köln 1967, S. 88-92).
80)
vgl. Bereths, Beiträge (wie Anm. 42), S. 3o-37, S. 16o-162. - Hans
Lonnendonker: Michael Hermesdorff. In: Rheinische Musiker, Bd. 2, 1962,
S. 35-38.
81)
Persch (wie Anm. 59), S. 231, 236.
82)
ebd. S. 238. - Wolfgang Grandjean: Das katholische deutsche Kirchenlied
in den trierischen Gesangbüchern von seinen Anfängen bis heute
(Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte, Bd.
22), Mainz 1975.
83)
Persch (wie Anm. 59), S. 24o. - Heinz (wie Anm. 69), S. 46.
84)
Persch (wie Anm. 59), S. 225, S. 254. - Der Trend, dies zur Ergänzung,
älteres Liedgut zu favorisieren und jüngeres zu reduzieren, zeigt
sich dann auch - nicht zuletzt unter dem Einfluß des Bopparder Seminarmusiklehrers
und Cäcilianers Peter Piel (1835-19o4) - in dem folgenden Gesang-
und Gebetbuch (1892), wobei die Choralmessen sowie sämtliche lateinischen
Gesänge entfielen (vgl. Persch (wie Anm. 59), S.289 f). Zu Peter Piel,
vgl. ebd., S. 284, Anm. 1553, S. 296 f. - Paul Mies: Art. Piel. In: Beiträge
zur rheinischen Musikgeschichte, Heft 43, Köln 196o, S. 2oo-2o4).
85)
Rau (wie Anm. 72), S. 6o.
86)
Gerade dies kritisiert der Kritiker der "Augsburger Postzeitung" 1865 anlässlich
der 17. Generalversammlung des deutschen Cäcilienvereins in Trier
unter der Überschrift "Die Kirchenmusik auf der 17. Generalversammlung
zu Trier". Berichtet wird, daß nur "Trierischer Choral" im Wechsel
von Einstimmigkeit mit Orgel und Vierstimmigkeit mit Orgel (in der Hermesdorffschen
Bearbeitung) erklang. Kritisiert werden in diesem Bericht die zu laute
Orgel, die Differenzen von Orgel und Chor und die Choralharmonisierung
an sich, wodurch der Choral in seiner "freien Bewegung nur gehemmt" und
als "Ballast" empfunden wird; ferner moniert der Kritiker die "Inkonsequenz
im Gebrauche des Halbtons" an Kadenzschlüssen: "Im Credo z.B. erzwang
man ihn, im Kyrie ... wurde der Ganzton gewählt". Schließlich
kritisiert er das zu "schleppende" Tempo (Cäcilia 4, 1865, S. 85 f).
87)
vgl. Vorwort zum Bd. 1, VII.
88)
Christoph Lickleder: Choral- und figurierte Kirchenmusik in der Sicht Franz
X. Witts anhand der Fliegenden Blätter und der Musica Sacra, Regensburg
1988, S. 166.
89)
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß Franz Xaver Witt die
Hermesdorffsche Ausgabe wegen der zum Teil falschen Textverteilung kritisiert;
des weiteren bemängelt Witt die Tempovorschriften, die "geradezu zu
einer theilweisen Carrikatur der Messe führen" (vgl. Lickleder (wie
Anm. 88), S. 162, S. 166).
90)
BAT Abt. 1o4, o99-16. - Enthalten sind Bearbeitungen von Nannini, Anerio,
L. Marenzio, Allegri, A. Gabrieli, O. di Lasso, Bernarbei, G. Groce, H.L.
Hassler und von Palestrina "O salutarias Hostia" und "Dies sanctificatus".
91)
Cäcilia 12, 1873, S. 91.
92)
Lickleder (wie Anm. 88), S. 164.
93)
Winfried Kirsch: Der Ausdruck ist das Entscheidende, nicht die Form. Zu
den Vortragsbezeichnungen in Franz Xaver Witts Messen-Kompositionen. In:
Festschrift Hubert Unverricht zum 65. Geburtstag, hrsg. von Karlheinz Schlager,
Tutzing 1992, S. 111-124.
94)
Johann Baptist Barthel wurde am 13.5.1885 Domorganist und zugleich als
Nachfolger von Michael Hermersdorff am 9.3.1885 Dommusikdirektor. Er pflegte
vor allem die altklassische Vokalpolyphonie. Bereits 1886 demissionierte
Barthel von seiner Tätigkeit als Dommusikdirektor, während er
die Organistenstelle bis 1891 behielt (vgl. Bereths, Beiträge, wie
Anm. 42, S. 162 f).
95)
ebd. S. 163-168.
96)
Heinz (wie Anm. 69), S. 47.
97)
Dieser "Unitas-Gedanke" tritt deutlich in seiner apologetischen Broschüre
zutage mit dem Titel "Einheitlicher liturgischer Gesang der Diözese
- Ein Wort zur Trierischen Choralbücherfrage", Paulinus Verlag Trier
(O.J.). Zur ganzen Trierer Choralfrage:
98)
Albert Gerhards: Der liturgische Hintergrund der Palestrina-Renaissance
im 19. Jahrhundert. In: (wie Anm.1), S. 193.
99)
Bereths: Beiträge (wie Anm. 42), S. 166. Angemerkt sei, daß
im BAT zwei Motetten von Lenz unter der Nummer 1o4-124oo vorhanden sind
- einmal der Grabgesang "Libera me", der dem alten Kirchenstil gerecht
wird, zum anderen die Weihnachtsmotette "Psallite", die "modern" anmutet
und dem cäcilianischen Geist eigentlich widerspricht.
100)
Rau (wie Anm. 72), S. 5o.
101)
Trierische Landeszeitung vom 3o.8.1887, zitiert nach: Rau (wie Anm. 72),
S. 51.
102)
ebd. S. 5o.
103)
Philipp Jakob Lenz: Die Dom-Musikschule in Trier, ihre Ziele, Einrichtungen
und Lehrpläne (1887).
104)
Rau (wie Anm. 72), S. 53.
105)
Bereths, Beiträge (wie Anm. 42), S. 162.
106)
Kirsch (wie Anm. 1), S. 29 f.
107)
ebd. S. 28 f. Lickleder (wie Anm. 88), S. 169 f.
108)
Wilhelm Stockhausen: Geschichte und Tätigkeit des Trierer Domchores.
In: Trierische Landeszeitung vom .. (Trierer Stadtbibliothek Nr. 11/3 gr.
2?).
Der
Artikel erschien im Kurtrierischen Jahrbuch 36, Trier 1996.
Wolfgang Hoffmann
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