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Das Jahr 2000 steht im Zeichen des Barock-Komponisten, der vor 250 Jahren starb und eine ganze Epoche prägte. Das
Jahr 2000 ist Bach-Jahr. Der Komponist und Thomaskantor schuf ein imposantes
Werk, das eine ganze Epoche prägte. Johann Sebastian Bach starb am
28. Juli 1750. Mit erdrückender Würde im Kantoren-Ornat Szenenwechsel. Im Leipziger Bach-Archiv hängt sein Bild in Öl. Der Leipziger Prominentenmaler Gottlieb Elias Hausmann hat ihn 1746 porträtiert, als er in die »Correspondierende Societät der Musicalischen Wissenschaften« aufgenommen wurde - ein exclusiver Club, in dem auch Händel Mitglied war. Da sitzt er in Kantoren-Ornat und strahlt eine fast erdrückender Würde aus. Auf dem Notenblatt in der erstaunlich zarten Hand steht ein Kanon, Beispiel für den »alten Stil«, mit dem sich der 61jährige neu auseinandersetzt. Er ist einer der einflussreichsten Musiker in Deutschland, Kantor an St. Thomae und zugleich Generalmusikdirektor der Handelsstadt Leipzig, dazu kurfürstlich sächsischer und königlich polnischer Hofcompositeur. Ein Magnet für junge Musiker. Eine Autorität. Ein Jahr danach wird ihn der preußische Monarch Friedrich II. empfangen. Das ist Bach. Ein Mensch der Widersprüche. Und ein Musiker, der sich allen Festlegungen um so mehr zu entziehen scheint, je qualifizierter sich Forschung und Musikpraxis mit ihm befassen. »Kein anderer Komponist hat der Bemühung, seinen genauen geschichtlichen Ort zu bestimmen, so nachhaltig Widerstand entgegengesetzt wie Johann Sebastian Bach« formuliert das kürzlich erschienene, umfassende »Bach-Handbuch«. Ein Mann aus der lutherischen Tradition, der 41 Lebensjahre für die protestantische Kirchenmusik zuständig war, verfasst gegen Ende seines Lebens eine großangelegte katholische Messe. Ein Kapellmeister, dem es »nun zwar anfänglich gar nicht anständig seyn wolte«, Kirchenmusiker zu werden, wird in Leipzig Thomaskantor und widmet sich in einer ungeheuren Arbeitsleistung ganz der geistlichen Vokalmusik. Und der 62-Jährige, nach damaligen Maßstäben schon ein Greis, komponiert im modischen »empfindsamen Stil«. Bach ist nicht zu fassen. Wer ihn, wie das 19. Jahrhundert, zum Vorkämpfer eines protestantisch geprägten deutschen Nationalstils ausruft, unterschlägt die französischen und vor allem italienischen Einflüsse, die sein Werk nachhaltiger prägen als die deutsche Stiltradition. Wer ihn als »fünften Evangelisten« bezeichnet, übersieht, dass seine geistlichen Kompositionen bei aller religiösen Kraft mehr sind als Dienst an Kirche und Religion. Und wer meint, Bach habe sich gegen Ende seines Lebens in die Stille seiner Kompositionsstube zurückgezogen, der ignoriert, dass er noch wenige Monate vor seinem Tod streitlustig genug war, um einen Gegner in einer Weise zu attackieren, die einem Rufmord verdammt nahekam. Auch Bachs Musik spottet aller Schemata. Sie ist nicht Ausweis eigensinniger Isolierung, sondern Ergebnis hochentwickelter Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit. Bei ihm zieht sich eine Epoche in einen Personalstil zusammen. Sonaten, Kanons, Fugen, Konzerte, Tanzsätze, die aus der Oper entlehnte moderne Kantatenform, dazu Tastenmusik mit hoch virtuosem Anspruch, sogar die »empfindsame« und die »galante« Schreibart der jungen Generation von 1750 - Bach beherrscht und praktiziert sie. Das macht die Wunderwelt seiner Musik so reich an Überraschungen und so offen für neue Einsichten. Sein Werk ist höchst lebendig Die Sicherheit und Festigkeit, die wir heute an Bachs Kompositionen wahrnehmen, ist Schein. Die aufmerksame, auch kritische und experimentelle Auseinandersetzung mit seinem Werk wird ihm mehr gerecht als die Vorspiegelung einer nicht existenten Authentizität, die etwas höchst Lebendiges zum Kulturgut neutralisiert. Das weite Spektrum der modernen Bach-Interpretationen - vom aufgeschlossenen Traditionalismus Hellmuth Rillings über den kantigen Historismus von Nicolaus Harnoncourt bis hin zum provokanten Kammerstil bei Joshua Rifkin - ist in der Musik selber angelegt. Bach begeistert und bewegt. Er macht erstaunen und befremdet. Als Besitz lässt er sich nicht verbuchen. LEBENSDATEN
www.trierer-orgelpunkt.de bedankt sich beim Autor Dr. Martin Möller und bei der Chefredaktion des Trierischen Volksfreunds für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung des Artikels. B@CH
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